Inhaltsverzeichnis
Über
Gutmütigkeit und Festigkeit
Dass
man seine Augen aufmachen soll
Dinge,
die es nicht wert sind, versucht zu werden
Über
die Kunst, sein Geld auszugeben
In
seinem Reden hinterm Pflug hat sich C. H. Spurgeon bemüht, guten Rat
für allerlei Leute festzuhalten. Dabei ist er in die Rolle eines Bauern
geschlüpft. Er vermeidet deshalb „feine Bildung und gekünstelte Worte“ und
bedient sich statt dessen alter, kräftiger sprichwörtlicher Redensarten. Er
sagt:
„Ich
habe einige tüchtige Schläge gegen die Laster der großen Menge zu führen
gesucht und diejenigen Alltagstugenden hervorgehoben, ohne die die Menschen in
einem elenden, entwürdigenden Dasein verkommen müssen. Vieles, was arbeitenden
Menschen gesagt werden muss, würde sich nicht gut für die Kanzel und für den
Sonntag schicken. Dagegen dürften diese anspruchslosen Blätter wohl dazu
dienen, Fleiß und Sparsamkeit an allen Wochentagen – zu Hause und am
Arbeitsplatz – zu empfehlen. Wenn sich einige diesen Unterricht zu Herzen
nehmen werden, so wird es mir nicht leid tun, mich dabei der Bilder aus dem
Landleben bedient zu haben.
Den
Namen Pflüger darf ich wohl zu Recht für mich in Anspruch nehmen. Hat doch
jeder Prediger des Evangeliums seine Hand an den Pflug gelegt und ist es doch
seine Aufgabe, das brache Feld umzupflügen und guten Samen auszustreuen. Dass
ich in halb scherzhaftem Ton geschrieben habe, bedarf hoffentlich keiner
Entschuldigung, wenn ich mir dadurch Gehör bei der großen Menge für gesunde
sittliche Belehrung verschaffe. Ernst und langweilig sein ist gerade keine
besondere Tugend.
Von
all den Liedern, die ich meine Kleinen je habe singen hören, gefällt mir eines
immer am besten – es schließt mit den Worten:
„Und will mir's nicht gleich gelingen,
so versuch’ ich’s noch einmal.“
Ich empfehle es auch
erwachsenen Leuten, die den Mund hängen lassen und verzweifeln zu müssen
meinen. Niemand weiß, was er tun kann, bis er es versucht hat. „Jetzt kommen
wir durch“, sagte Emil zu Franz, als sie das letzte Stück Pudding verzehrten.
Aller Anfang ist schwer, aber ein wenig Versuchs-Öl in die Hand und ins Herz
gerieben, macht alles leichter.
„Kann ich nicht“
bleibt im Dreck stecken, aber „Ich will’s versuchen“ zieht den Wagen bald aus
dem Loch heraus. Der Fuchs sprach: „Ich will’s versuchen.“ und entkam den
Hunden, als sie schon beinahe nach ihm schnappten. Die Bienen sagten: „Wir
wollen es versuchen“, und verwandelten Blumen in Honig. Das Eichhörnchen sagte:
„Ich will's versuchen“, und kletterte auf die Spitze der Eiche hinauf. Das
Schneeglöckchen sagte: „Ich will's versuchen“, und blühte mitten im kalten
Winterschnee. Die Sonne sagte: „Ich will’s versuchen“, und bald warf der
Frühling den Junker Frost aus dem Sattel. Die junge Lerche sprach: „Ich will's
versuchen“, und entdeckte bald, dass ihre neuen Flügel sie über Hecken und
Gräben hoben – hoch hinauf, wo ihr Vater sang. Der Ochse sprach: „Ich will's
versuchen“, und pflügte das ganze Feld von einem Ende bis zum anderen durch.
Für „Ich will's versuchen“ ist es kein Hügel zu steil, kein Boden zu hart, kein
Feld zu nass, kein Loch zu groß.
„Die größten Eichen
fällt man mit kleinen Streichen.“
Spaten
für Spaten schafften die Arbeiter den Durchstich, bohrten sie einen großen
Tunnel mitten durch den Berg, warfen sie den Deich auf. „Steter Tropfen höhlt
den Stein.“
Was
Menschen getan haben, können Menschen wieder tun, und was noch nicht geschehen
ist, mag noch geschehen. Aus Ackerknechten sind schon Edelmänner geworden,
Schuster haben aus ihren Klopfsteinen Gold gemacht, und aus Schneidern sind
Parlamentsmitglieder geworden. Kremple nur die Ärmel auf, kleiner
Hoffnungsvoll, und mach dich ans Werk. Wo ein Wille ist, da findet sich auch
ein Weg. Die Sonne scheint für alle Welt. Vertraue auf Gott und arbeite tüchtig
und sieh zu, ob sich nicht die Berge bewegen werden. Warte nicht darauf, dass
du Glück haben wirst; das hatte der Narr, als er soviel Pudding bekam, wie er
essen wollte, und sich davon den Tod holte. Das beste Glück in der ganzen Welt
macht man aus Gelenk-Öl und Festigkeit-Pflaster.
Warte nicht auf
fremde Hilfe; versuch es mit diesen beiden alten Freunden: deinen starken
Armen. Selbst ist der Mann. Wenn der Fuchs Federvieh für seine Jungen haben
will, muss er die Hühner selbst nach Hause tragen. Keiner seiner Freunde kann
dem Hasen helfen; er muss selber um sein Leben laufen, oder es packen ihn die
Hunde. Jeder Mensch muss seinen eigenen Sack zur Mühle tragen. Du musst deine
eigenen Schultern gegen den Wagen stemmen und sie immerzu daran halten, denn es
sind genug Löcher in der Straße. Willst du aber warten, bis alle Straßen
gepflastert sind, so wirst du zum Skelett abmagern. Willst du solange sitzen
bleiben, bis dich die großen Leute auf den Rücken nehmen, so kannst du solange
sitzen, bis du angewachsen bist. Deine eigenen Füße sind besser als Stelzen.
Erwarte nicht Hilfe von anderen, sondern traue auf Gott und halte dein Pulver
trocken.
Weine nicht darüber,
dass du keine guten Chancen oder nicht genug Mittel zum Anfang hast. Wirft
jemand einen verständigen Menschen hinaus, so wird der auf seine Füße fallen
und sich nach dem kürzesten Weg erkundigen, auf dem er zu seiner Arbeit kommen
kann. Je mehr du hast zum Anfangen, desto weniger wirst du am Ende haben. Geld,
das man selbst verdient, glänzt mehr und ist angenehmer, als was man aus den
Beuteln Verstorbener nimmt. Ein kärgliches Frühstück am Morgen des Lebens reizt
den Appetit zu einem reichen Mahl späterhin. Wer einen sauren Apfel gekostet
hat, wird um so mehr Geschmack an einem süßen finden. Manch ein Hausierer hat
sein Geschäft mit fünfzehn Groschen eröffnet und hat sie so oft umgesetzt, bis
er eigene Pferde und Wagen hatte.
Klage nicht über den
Ort, an dem du zu wohnen hast. Du brauchst kein Pferd zu sein, weil du in einem
Stall geboren bist. Ein strebsamer junger Mann mit gesundem Verstand wird da
viel Geld verdienen, wo andere nichts zustande bringen, als es zu verlieren.
Wer fleißig ist und spart sein Geld,
kommt fort an jedem Ort der Welt.
Ein wenig Mühe ist
freilich damit verbunden; aber wer hat je Kirschen ohne Kerne und Rosen ohne
Dornen gefunden? Wer gewinnen will, muss tragen lernen. Faulheit liegt im Bett
und hat Bauchgrimmen, während Fleiß Gesundheit und Reichtum gewinnt. Der Hund
in der Hütte bellt die Fliegen an, der Jagdhund weiß gar nicht, dass es welche
gibt. Trägheit wartet, bis der Fluss trocken geworden ist, und kommt gar nicht
zum Markt hin. „Ich versuch’s“ schwimmt hinüber und macht die besten Geschäfte.
Kannichnicht konnte nicht das Butterbrot essen, das für ihn abgeschnitten worden
war, aber Ich-versuch's machte sich Brot aus Pilzen.
Jeder, der nicht von
der Stelle kommt, schiebt die Schuld auf seine Konkurrenten. Als der Weizen
gestohlen worden war, so hatten es die Ratten getan. Es ist immer bequem, einen
Sündenbock zu haben, dem man die Schuld aufbürgen kann. Indessen, gute Arbeiter
sind immer gefragt. Eine Maus findet ein Loch, wenn auch noch so viele Katzen
im Zimmer sind. In der schlechtesten Bude auf dem Markt lässt sich ein Pfennig
verdienen. Kein Barbier rasiert einen so sauber, dass nicht ein zweiter Barbier
noch etwas zu tun fände. Nichts ist so gut, dass es nicht noch besser sein
könnte, und wer das Beste liefert, bekommt die Bestellung. Die neuen Maschinen
würden uns alle an den Bettelstab bringen, so haben's die Propheten in der
Schankstube immer verkündet. Jedoch haben statt dessen alle diese Dresch-,
Ernte- und Heumache-Maschinen nur denen zu desto besserem Verdienst verholfen,
die darauf zu arbeiten verstanden. Wer eine Seele hat, die immer am Boden
liegt, mag wohl erwarten, dass er arm bleiben werde. Wer aber seinen
Verstandkasten aufmacht und sich bald hier, bald da etwas Kenntnisse sammelt,
wird vorwärts kommen, wenn er vorher auch noch so unwissend war. „Es sind
schlechte Zeiten“, heißt es immer; allerdings, und wenn man gaffend und
träumend umhergeht, so werden die Zeiten für immer schlecht sein.
Viele kommen deshalb
nicht vorwärts, weil sie sich nicht dazu aufraffen können, einen Anfang zum
Besseren zu machen. Wie sie die ersten paar Taler sparen können, da liegt ihre
Schwierigkeit. Darum heißt es: „Frisch gewagt, ist halb gewonnen.“ Wirf den
Bierkrug weg, zieh die Flagge: „Ich versuch's“ auf, mach dich ans Werk, und
dann fort mit dem Ersparten zur Sparkasse – und es wird noch etwas aus dir
werden! Arme Schlucker werden immer dann arm bleiben, wenn sie denken, daß sie
es sein müssen. Man kann emporkommen, wenn man früh genug hinterher ist und
nicht erst wartet, bis man eine Frau und ein halbes Dutzend Kinder hat; ist das
bereits der Fall, so trägt man zuviel Gewicht im Wettlauf bei sich und muss
meistens zufrieden sein, wenn es für Nahrung und Kleidung der Kleinen reicht.
Einige Hennen scharren freilich nur um so besser, wenn sie einen großen Schwarm
Küken um sich haben. Jungen Leuten mag es schwer sein, den Hügel zu erklimmen,
doch steht ihnen der Weg dazu offen, und wenn ein tapferes Herz und ein steiler
Berg zusammen kommen, steht man bald oben. Nach getaner Arbeit ist gut ruhen.
Wenn die jungen Leute in frühen Jahren tüchtig arbeiten, einfach leben und ihr
Geld sparen wollten, so brauchten sie nicht ihr Leben lang Steine zu klopfen,
wie so viele es tun. Schon der Ökonomie wegen sollten sie enthaltsam sein:
Wasser ist das stärkste Getränk, treibt es doch Mühlenräder. Es ist das
Getränk, dessen sich Löwen und Pferde bedienen und Simson hat nie etwas anderes
getrunken. Aus dem Bier- und Brandweingeld ließe sich bald ein Haus erbauen.
Wenn man etwas Gutes
in der Welt will, so wende man ebenfalls die Losung an: „Ich will's versuchen.“
Es gibt viele Weisen, Gott zu dienen, und einige, die genau für dich passen
werden wie ein Schlüssel ins Schloss. Halte mit deinem Zeugnis nicht zurück,
weil du kein Hofprediger bist; sei zufrieden, mit Zweien oder Dreien in einer
Hütte zu reden – auch auf kleinen Feldern kann sehr guter Weizen wachsen. Man
kann ebenso gut in kleinen Töpfen kochen wie in großen. Kleine Brieftauben
können große Botschaften überbringen. Auch ein kleiner Hund kann einen Dieb
anbellen, seinen Herrn aufwecken und das Haus retten. Auch ein Funke ist Feuer.
Ein Satz göttlicher Wahrheit trägt den ganzen Himmel in sich. Tue, was du tust,
mit Freundlichkeit, bete dafür von ganzem Herzen und stelle den Erfolg Gott
anheim.
Leider
ist guter Rat bei vielen weggeworfen wie guter Same auf nackten Felsen. Man
lehre eine Kuh sieben Jahre lang, und doch wird sie nie singen lernen. Von
einigen scheint das Wort zu gelten, dass, als sie geboren wurden, Salomo an
ihrer Tür vorüberging und nicht hineinsehen wollte. Ihr Wappen ist eine
Narrenkappe auf einem Eselskopf. Sie schlafen, wenn es Zeit ist zu pflügen, und
weinen, wenn die Ernte kommt. Sie essen alle Rüben zum Abendbrot auf und
wundern sich, dass keine zum Frühstück übrig sind. Wenn das, was im Maischefaß
gelangt, in den Backtrog käme, so würden viele Familien besser genährt und
besser gelehrt werden.
„Ich versuch's!“ Spräch' jeder so,
Läg' so mancher nicht auf Stroh;
Stürb' sobald noch nicht vor Mangel,
Kriegt' bald Fische an die Angel;
Macht' sich fett im Stall ein Schwein,
Hört' nicht Weib und Kinder schrein'n;
Not und Mangel flögen fort,
Bettler säh' man nicht am Ort:
'S ging nicht mehr so sehr verkehrt,
Freud' wär' dir und mir beschert!
Sei
nicht lauter Zucker, sonst lutscht die Welt dich aus. Sei aber auch nicht
lauter Essig, sonst spuckt die Welt dich aus. Es gibt einen Mittelweg in allem,
nur Dummköpfe verfallen in Extreme. Wir brauchen nicht ganz aus Felsen oder
ganz aus Sand, ganz aus Eisen oder ganz aus Wachs zu sein. Wir sollten weder
vor jedermann mit dem Schwanze wedeln wie einfältige Schoßhunde, noch auf
jedermann losfahren wie wütende Kettenhunde. Aus Schwarzem und aus Weißem ist
die Welt zusammengesetzt, und daher haben wir mit Leuten verschiedener Art zu
tun. Einige sind so biegsam wie ein alter Schuh, aber auch kaum mehr wert als
der andere in demselben Paar. Andere fangen bei der kleinsten Beleidigung Feuer
wie Zunder und sind so gefährlich wie Schießpulver. Es ist wirklich kein
Vergnügen, wenn man einen Arbeiter auf dem Gehöft beschäftigen muss, der so
verdrießlich ist wie ein alter Bär, der ein Temperament hat wie saure Trauben,
der so scharf ist wie ein Rasiermesser, der so grimmig dreinschaut wie ein
Fleischerhund, und doch mag der Mensch einige gute Seiten an sich haben, so
dass er bei alledem dennoch ein Mann ist; aber der arme sanfte Heinrich,
der so „grün“ ist wie das Gras, und so bereit, sich zu beugen wie eine Weide,
bringt niemand Gewinn und ist jedermanns Spott. Ein Mensch muss Mark im
Rückgrat haben, wie soll er sonst seinen Kopf gerade halten? Aber dieses
Rückgrat muss sich auch biegen lassen, oder er wird mit der Stirn gegen eine
Balken anrennen.
Zu tun, was andere
wünschen, hat seine Zeit – und es abzuschlagen, hat auch seine Zeit. Machen wir
uns zu Packeseln, so wird jedermann auf uns reiten; wollen wir aber geachtet
sein, so müssen wir unsere eigenen Herren sein und nicht anderen erlauben, uns
nach ihrem Belieben einen Sattel aufzulegen. Wollen wir jedermann gefallen, so
werden wir wie eine Kröte unter einer Egge sein und nie Frieden haben. Wollen
wir allen unseren Nachbarn gegenüber, seien sie gut oder böse, Bediente
spielen, so werden wir von niemand Dank dafür ernten, denn dann werden wir
ebensoviel schaden wie nützen. Wer sich zum Schaf macht, wird merken, dass noch
nicht alle Wölfe tot sind. Wer sich auf die Erde legt, muss damit rechnen,
getreten zu werden. Wer sich zur Maus macht, den wird die Katze fressen. Wer
sich von seinen Nachbarn das Kalb auf die Schulter legen lässt, dem werden sie
auch bald die Kuh aufladen. Wir sollen unserem Nächsten gefallen zum Guten, zur
Besserung, aber das ist etwas ganz anderes.
Es laufen alte Füchse
umher, denen der Mund nach jungen Gänsen wässert, und wenn sie sie mit List
dazu bringen können, dass sie alles für sie tun, was sie wünschen, so lassen
sie sie bald die Rechnung bezahlen. Ein prima Kamerad wirst du genannt werden,
wenn du dich zur Mietskutsche für deine Freunde machst, aber ein doppeltes Maß
wirst du bald zu tragen haben. Aus deiner Lage wirst du dich ganz allein
herausarbeiten müssen, denn deine alten Freunde werden dir gewiss zurufen:
„Adieu, lieber Korb, der du meine Äpfel so schön getragen hast“, oder sie
werden dir ihre allerbesten Wünsche mitgeben, aber nicht das Geringste für dich
tun. Du wirst bemerken, dass schöne Worte keine Katze satt machen, dir keine Butter
aufs Brot legen und deine Taschen nicht füllen. Die so viel aus dir machen,
wollen dich entweder betrügen oder gebrauchen. Wenn sie die Apfelsine
ausgequetscht haben, werden sie die Schale wegwerfen. Darum sei weise und sieh
erst hin, ehe du springst, oder der Rat eines Freundes wird dir mehr Schaden
bringen als die Lästerung eines Feindes. „Ein Unverständiger glaubt alles; aber
ein Kluger gibt acht auf seinen Gang“ (Sprüche 14,15).
Gehe mit deinem
Nachbarn so weit, wie ein gutes Gewissen mit dir gehen wird, aber trenne dich
von ihm da, wo der Schuh des Gewissens deinen Fuß zu drücken beginnt. Fange mit
deinem Freunde so an, wie du mit ihm fortzufahren gedenkst, und lass ihn sehr
bald wissen, dass du nicht ein Mensch bist, der aus Fensterkitt gemacht ist, sondern einer, der seinen
eigenen Verstand hat und ihn auch zu gebrauchen gedenkt. Halte die Pferde in
dem Augenblick an, in dem du merkst, dass du nicht mehr auf der rechten Straße
fährst, und schlage sofort den nächsten Weg zurück ein. Wer große Fehler
vermeiden will, muss sich vor kleinen in acht nehmen; darum halte beizeiten an,
wenn dich dein Freund nicht in die Grube hinunterziehen soll. Besser, einen
guten Bekannten beleidigen, als seinen guten Leumund verlieren und seine Seele
aufs Spiel setzen. Scheue dich nicht, die Wiederumkehr-Gasse einzuschlagen.
Lass dich ruhig einen Feigling schelten, wenn du vor der Sünde fliehst; besser
zu fliehen in der Zeit, als zu fliehen in der Ewigkeit. Lass dich nicht
überreden, dich selbst zu verderben. Wenn wir unseren Gefährten nur zu unserem
eigenen Untergang gefallen können, so haben wir’s zu teuer erkauft. Tritt
kräftig auf, wo du zu stehen gedenkst, und lass dich von niemand von dem, was
recht ist, ab bringen. Lerne „Nein“ zu sagen; das wird dir von größerem Nutzen
sein, als Lateinisch lesen zu können.
Jedermanns Freund ist
oft niemands Freund. In seiner Einfalt beraubt er seine Familie, um Fremden zu
helfen. In der Wohltätigkeit, wie in allem andern, bedarf es der Weisheit.
Einige hätten es nötig, in die Schule zu gehen, um sie zu lernen. Ein
wohlwollender Mensch kann sehr hart gegenüber seinen eigenen Kindern sein, wenn
er nämlich ihnen das Brot aus dem Munde nimmt, um es denen zu geben, die ihn
einen guten Kameraden nennen – und ihn nachher dafür auslachen. Sehr oft
verliert der, der sein Geld verleiht, dieses und seine Freunde dazu, und der,
der für andere Sicherheit bietet, ist selber niemals sicher. Lass dir vom
Pflüger Hans raten: Verbürge dich nie für mehr, als du Lust hast zu verlieren.
„Wer für einen anderen bürgt, der wird Schaden haben; wer sich aber hütet,
Bürge zu sein, geht sicher“ (Sprüche 11,15).
Wenn wir beleidigt
werden, so sind wir als Christen verpflichtet, es ohne Groll zu erdulden. Aber
wir sollen nicht so tun, als fühlten wir es nicht, denn das wird unsere Feinde
nur ermuntern, uns einen neuen Stoß zu geben. Wer sich zweimal von demselben
Menschen betrügen lässt, der ist halb so schlecht wie der Spitzbube. Nehmen wir
unser Recht nicht selber in Anspruch, so haben wir es uns selbst zuzuschreiben,
wenn wir es nicht bekommen. Paulus war bereit, um seines Meisters willen
Schläge zu erdulden, aber er vergaß nicht, den Beamten zu sagen, dass er ein
Römer wäre; und als jene Herren ihn heimlich aus seinem Gefängnis entlassen
wollten, sprach er: „Nicht also; sondern lasset sie selbst kommen und uns
hinausführen!“ (Apg. 16,37). Ein Christ ist der sanftmütigste Mensch unter der
Sonne, aber er ist bei alledem doch ein Mensch. Sehr vielen Menschen braucht
man dies freilich nicht erst zu sagen, denn sie brausen schon auf, wenn sie
meinen, dass jemand ihnen zu nahe treten will. Lange bevor sie wissen, ob ein
Dieb auf dem Gehöft ist oder ob sich der alte Gaul losgerissen hat, reißen sie
die Fenster auf und feuern hinaus. Gefährliche Nachbarn sind das – man könnte
ebenso gut erwarten, einen ruhigen Platz auf der Stirn eines Bullen zu finden,
als in ihrer Nähe viele Annehmlichkeiten zu genießen. Schließe keine
Freundschaft mit einem zornigen Mann, und mache nicht gemeinsame Sache mit
einem Wütenden. „Wer geduldig ist, der ist weise; wer aber ungeduldig ist,
offenbart seine Torheit“ (Sprüche 14,29). „Siehst du einen, der schnell ist zu
reden, da ist für einen Toren mehr Hoffnung als für ihn“ (Sprüche 29,20). Ich
habe in meinem Leben einige sehr halsstarrige Menschen kennen gelernt, die
weder Vernunft noch Verstand annahmen. Ein Mann in unserem Dorfe hat eine
Bulldogge, über die er mir sagt: „Wenn das Tier einmal etwas mit den Zähnen
gepackt hat, lässt es das nicht wieder fahren; wenn man's ihm aus dem Maul
reißen wollte, müsste man ihm erst den Kopf abschlagen.“ Auch Menschen dieser
Art gibt es; sie haben mich oft geärgert und fast verrückt gemacht. Eher könnte
man einen Mauerstein dazu überreden, zu Marmor zu werden, als einen solchen
Menschen dahin bringen, auf vernünftige Vorstellungen einzugehen. Flecken aus
Leoparden herausbringen ist nichts im Vergleich mit dem Versuch, einen
ausgemacht halsstarrigen Menschen von seiner Ansicht abzubringen. Wenn man im
Recht ist, so ist ein solches unerschütterliches Festhalten an seiner
Überzeugung etwas Großartiges; unser Prediger sagt: „Das ist das Holz, aus dem
Märtyrer geschnitzt werden“. Wenn aber ein ganz unwissender und verdrehter
Mensch sich etwas derart hartnäckig in den Kopf setzt, so macht er Märtyrer aus
denen, die mit ihm umzugehen haben. Der alte Pächter Dickkopf schwur, er wolle
mit der Faust einen Nagel in ein Eichenbrett hineinschlagen, und hatte sein
Leben lang eine lahme Hand davon. Da er sein Korn nicht, wie er wollte,
verkaufen konnte, so ließ er die Vorräte von den Ratten auffressen. Man kann an
seinen Feldern nicht vorüberfahren, ohne seinen Eigensinn wahrzunehmen, denn er
hat feierlich gelobt, dass er nichts von all den neuen Methoden wissen will,
und so hat er die schlechtesten Ernten im Kirchspiel. – Es ist besser,
voreilige Gelübde zu brechen, als zu halten. Wer sich nie ändert, bessert sich
nie. Wer nie nachgibt, siegt auch nie.
Bei unseren Kindern
müssen wir Freundlichkeit und Festigkeit miteinander verbinden. Sie müssen
nicht immer ihren Willen haben, aber man muss ihnen auch nicht alles verbieten.
Gib einem Schwein, so oft es grunzt, und einem Kind, so oft es schreit, und du
hast ein fettes Schwein und ein verzogenes Kind. Ein Mann, der Trompete blasen
lernt, und ein verhätscheltes Kind sind zwei sehr unangenehme Stubennachbarn.
Aber wenn wir nicht Acht geben, so werden unsere Kinder zum Ärgernis für andere
werden und zur Qual für uns selber. Wenn wir nie Kopfweh von der Erziehung
unserer kleinen Kinder bekommen wollen, so werden wir hinreichend Herzweh
bekommen, wenn sie aufwachsen. Strenge Wahrhaftigkeit muss unser ganzes
Verhalten den Kindern gegenüber prägen. Unser Ja muss Ja und unser Nein muss
Nein sein, und zwar buchstäblich und augenblicklich. Versprich nie einem Kind
etwas und unterlasse es zu tun, sei es, dass du ihm einen Brezel versprochen
hast oder eine Tracht Prügel. Erwarte auf alle Fälle Gehorsam, ungehorsame
Kinder sind unglückliche Kinder. Wir dürfen unsere Kinder nicht zum Zorn
reizen, damit sie nicht scheu werden; aber wir sollen unser Haus in der Furcht
des Herrn regieren, und wenn wir das tun, so dürfen wir seinen Segen erwarten.
Geduld ist besser als
Weisheit. Ein Gramm Geduld gilt so viel wie ein Pfund Verstand. Alle Menschen
loben die Geduld, aber nur sehr wenige üben sie aus. Sie ist eine Medizin, die
für alle Krankheiten gut ist, deshalb lobt sie auch jede alte Frau, aber nicht
in jedem Garten wachsen die Kräuter, aus denen sie bereitet wird. Wenn wir
körperliche Beschwerden haben, so ist es ebenso natürlich für uns, zu murren
und zu klagen, wie für ein Pferd den Kopf zu schütteln, wenn es von den Fliegen
gequält wird, oder für ein Rad zu rasseln, wenn eine Speiche los ist. Ebenso
natürlich – aber die Natur sollte nicht dasjenige sein, was das Verhalten der
Christen regelt. Wenn ein Soldat nicht besser kämpft als ein Ackerjunge, dann
sollte er schleunigst seine Uniform ausziehen! Wir erwarten ja auch mehr Frucht
von einem Apfelbaum als von einem Dombusch, und wir haben auch Recht damit. Die
Jünger eines geduldigen Heilands sollten auch selber geduldig sein. Beiß die
Zähne zusammen und ertrage es, lautet der altmodische Rat; aber öffne die
Lippen zum Dank und ertrage es, ist noch viel besser! Und warum sollen wir es
nicht? Wir bekommen doch eigentlich nur sehr wenig Schläge, wenn wir bedenken,
was für schlechtes Zugvieh wir sind, und wenn es auch ein wenig schmerzt, so
ist es doch bald vorüber. Vergangener Schmerz ist Freude und bringt Erfahrung.
Wir sollten uns nicht fürchten, nach Ägypten hinunterzuziehen, wenn wir wissen,
dass wir mit silbernen und goldenen Schätzen wieder herauskommen werden wie das
Volk Israel. Ungeduldige Menschen begießen ihr Elend fleißig und hacken ihren
Trost ab. Leiden sind ungeladene Gäste, aber klagende Gemüter lassen sie sich
mit einem Frachtwagen vors Haus fahren. Viele Leute werden weinend geboren,
leben klagend und sterben enttäuscht. Sie kauen die bittere Pille und würden
doch gar nicht wissen, dass sie bitter ist, wenn sie nur den Verstand hätten,
sie auf einmal mit einem Glas Wasser und Geduld hinunterzuschlucken. Sie halten
jedes anderen Menschen Last für leicht und ihre eigenen Federn für so schwer
wie Blei. Sie werden nach ihrer Meinung immer schlecht behandelt. Keiner wird
von dem schwarzen Ochsen so oft auf die Zehe getreten wie sie. Der Schnee fällt
am dichtesten vor ihrer Tür, der Hagel schlägt am lautesten an ihre Fenster.
Und doch, wenn die Wahrheit an den Tag käme, so würde sich bald zeigen, dass es
ihnen mehr in ihrer Einbildung als in Wirklichkeit so schlecht geht. Viele würden
sehr glücklich werden, wenn sie das nur einsehen könnten.
Ein kleines Stück von
dem Kraut Zufriedenheit in die dünnste Suppe getan – und sie schmeckt so
herrlich wie Schildkrötensuppe auf des Königs Tafel. Der Pflüger Hans hat das
Kraut in seinem Garten, es hat aber im letzten strengen Winter so schrecklich
gelitten, dass er leider seinen Nachbarn nicht das Geringste davon abgeben
kann. Sie täten daher besser, nach Matthäus 25,9 zu verfahren und zu denen zu
gehen, die für sich selber kaufen und verkaufen. Die Gnade ist ein Boden, in
dem dieses Gewächs gut gedeiht, aber es muss immer aus dem Quell der
Barmherzigkeit begossen werden.
Arm sein ist nicht
immer angenehm, aber es gibt noch Schlimmeres in der Welt als das. Enge Schuhe
drücken leicht, wenn man einen großen Fuß hat. Wenn wir nur geringe Mittel
haben, so ist es sehr vorteilhaft, wenn wir auch nur geringe Ansprüche stellen.
Armut ist keine Schande, aber eine Schande ist es, unzufrieden zu sein. Bei
einigen Dingen sind die Armen sogar besser dran als die Reichen. Denn wenn ein
Armer sich Speise für seinen Hunger zu suchen hat, so ist es wahrscheinlicher,
dass er zu seinem Ziel gelangen wird, als der Reiche, der sich Hunger sucht für
seine Speise. Der Tisch des Armen ist schneller gedeckt. Die besten Doktoren
sind Dr. Genügsam, Dr. Gelassen und Dr. Frohmut, und mancher fromme Bauer hat
das Glück, von allen diesen Herren bei Tisch bedient zu werden. Schwere Arbeit
bringt Gesundheit, und ein Gramm Gesundheit ist so viel wert wie ein Sack voll
Diamanten. Nicht wie viel wir haben, sondern wie viel wir genießen macht unser
Glück aus. In einem Löffel voll Zucker ist mehr Süße als in einer Tonne voll
Essig. Es ist nicht die Fülle der Güter, sondern der Segen Gottes zu dem, was
wir haben, was uns wahrhaft reich macht. Die Schalen eines süßen Apfels sind
besser als ein ganzer Holzapfel. Eine Schüssel Kohl ist besser als ein
gemästeter Ochse mit Hass. „Besser wenig mit der Furcht des Herrn als ein
großer Schatz, bei dem Unruhe ist“ (Sprüche 15,16). Etwas Holz genügt, um
meinen kleinen Ofen zu heizen, warum soll ich darüber murren, dass ich nicht
alle Wälder besitze?
Wenn Leiden kommen,
so nützt es nichts, Gott zu trotzen durch harte Gedanken über seine Vorsehung.
Die Bäume biegen sich im Winde, und so müssen wir's auch machen. Jedes Mal,
wenn das Schaf blökt, verliert es einen Mundvoll Futter, und jedes Mal, wenn
wir uns beklagen, entgeht uns ein Segen. Murren ist ein schlechtes Geschäft und
bringt nichts ein. Aber die Geduld hat eine goldene Hand. Unsere Leiden werden
bald vorüber sein. Nach dem Regen kommt heller Sonnenschein. Auch schwarze
Krähen haben Flügel. Jeder Winter verwandelt sich in Frühling. Jede Nacht geht
in den Morgen über. Auch ein heftiger Wind legt sich wieder.
Wird eine Tür
zugeschlossen, so wird Gott eine andere dafür auftun. Geraten die Erbsen nicht,
so können dafür die Bohnen geraten. Wenn eine Henne ihre Eier verlässt,
so wird eine andere sie alle ausbrüten. Alle Dinge haben eine Licht- und eine
Schattenseite, der treue Gott ist auf allen Seiten. In der schlimmsten Woge des
Ungemachs ist irgendwo eine trockene Stelle, auf der die Zufriedenheit festen
Fuß fassen kann, es nicht der Fall, so würde
sie schwimmen lernen.
Freunde, lasst uns
unsere Zuflucht nehmen zu Geduld und Wassersuppe, wie die Alten sagten, und
nicht statt dessen ins Klagefieber verfallen und auch andere mit derselben
Krankheit anstecken, indem wir Gottes Wege in gottloser Weise kritisieren. Das
beste Heilmittel im Leiden besteht in der Ergebung in Gottes Willen. Was man
nicht ändern kann, muss man tragen. Können wir keinen Speck bekommen, so lasst
uns Gott dafür danken, dass wir noch einige Kohlköpfe im Garten haben. Das Muss
ist eine harte Nuss, aber sie
hat einen süßen Kern. „Denen,
die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8,28). Alles, was
vom Himmel herniederfällt, dient früher oder später zum Besten des Landes; aber
was von Gott zu uns kommt, ist ein Segen, sollte es auch eine Rute sein. Von
Natur können uns Leiden ebenso wenig gefallen, wie sich eine Maus in eine Katze
verlieben kann. Durch Gnade kam aber Paulus dahin, sich auch der Trübsale zu
rühmen. Verluste und Kreuze sind schwer zu tragen, wenn aber unsere Herzen
rechtschaffen sind vor Gott, so ist es wunderbar, wie leicht das Joch wird. Wir
müssen nun einmal auf der Kreuz- und Tränenstraße zur Herrlichkeit eingeben,
und da uns nicht verheißen worden ist, dass wir in einem Daunenbett zum Himmel
gefahren werden sollen, so müssen wir uns nicht wundern, wenn wir den Weg rau
finden, wie ihn unsere Väter vor uns gefunden haben. Ende gut, alles gut – und
darum lasst uns den schwersten Boden im Blick auf die Garben bei der Ernte
pflügen, und wenn andere bei solcher Arbeit murren, so lasst uns lernen, dabei
zu singen.
Den Trägen guten Rat
erteilen, heißt Wasser in ein Sieb gießen. Wer sie bessern wollte, könnte
ebenso gut versuchen, einen Windhund fett zu machen. Jedoch, wenn es diesen
faulen Leuten auch keinen besonderen Nutzen bringen sollte, wird es uns doch
auch nicht schaden, dass wir sie gewarnt haben. Denn wenn wir vernünftige
Lehren ausstreuen, so wird unser Korb darum nicht leerer. Wir haben freilich
ein hartes Stück Land zu pflügen, wenn wir Faulenzer schelten, und können uns
nur eine sehr kümmerliche Ernte davon versprechen. Doch wenn es nur gutes Land
zu bearbeiten gäbe, so würden die Ackerleute bald brotlos sein. Und so wollen
wir denn getrost den Pflug in die Furchen einsenken. Träge Leute sind weit
genug verbreitet und wachsen ungesäht; und doch ist in sieben mit ihnen
bewachsenen Morgen Land nicht so viel Weisheitsweizen, dass sich auch nur das
Harken lohnte. Zum Beweis genügen ihr Name und ihr Charakter; denn wenn sie
nicht Narren wären, so würden sie nicht Faulenzer sein. Wenn auch
Salomo (Sprüche 26,16) sagt: „Ein Fauler dünkt sich weiser als sieben, die da
wissen, verständig zu antworten“, so dünkt doch jeden anderen ihre Torheit so
klar zu sein wie die Sonne am Mittag. Wenn ich sie mit meinen Reden ein wenig
scharf anfasse, so tue ich es, weil ich weiß, dass sie einen guten Knuff
vertragen können. Denn, wenn ich sie in meiner alten Scheune auf der Tenne
hätte, könnte ich sie wohl tagelang dreschen, ehe ich sie aus dem Stroh
herauskriegte.
Zunächst und zuerst
ist denn meine Meinung die, dass vor faulen Leuten ein großer Spiegel aufgehängt
werden sollte, in dem sie gezwungen wären, sich zu besehen. Denn wenn sie
überhaupt solche Augen haben wie ich, so würden sie es sicherlich nicht
aushalten können, sich lange oder oft zu besehen. Den hässlichsten Anblick von
der Welt bietet jeder dieser hartgesottenen Bummler für sich. Kaum seine
Schüssel würde er hinhalten, auch wenn es Brei regnete – jedenfalls keinen
größeren Topf, als für ihn selber ausreichen würde. Vielleicht, dass er sich
wenig mehr regen würde, wenn sich der Regenschauer in Bier verwandelte, obwohl
er sich nachher wieder desto mehr ausruhen würde. Das ist der Faule, von dem es
in den Sprüchen (19,24) heißt: „Er steckt seine Hand in die Schüssel und bringt
sie nicht wieder zum Munde.“ Mit Armut sollte jedermann Nachsicht und Mitleid
haben, nicht aber mit Faulheit. Eine Stunde in der Tretmühle, das würde eine
heilsame Medizin für alle Faulenzer sein. Aber es ist bei einigen von ihnen
nicht wahrscheinlich, dass sie eine volle Dosis dieses Heilmittels bekommen
werden, denn sie sind geborene Glückskinder, die schon mit dem silbernen
Papplöffel im Munde zur Welt kommen. Sie sind, wie das alte Sprichwort sagt,
„so faul wie Ludhams Hund, der seinen Kopf an die Wand lehnte, wenn er bellen
wollte“. Wie trägen Schafen macht es ihnen zu viel Mühe, ihre eigne Wolle zu
tragen. Wenn sie sich selber sehen könnten, das wäre für sie vielleicht
außerordentlich wohltuend. aber vielleicht würde es ihnen zu mühsam sein, ihre
Augen aufzumachen, selbst wenn man ihnen den Spiegel vor die Nase hielte.
Alles in der Welt hat
sein Gutes; aber es würde einen Doktor der Theologie oder einen Philosophen
oder die weiseste Eule in unserem Kirchturm in Verlegenheit setzen, wenn sie
sagen sollten, was der Nutzen der Trägheit ist. Die scheint eine Art Widerwind
zu sein, der in niemandes Segel bläst, eine Art Sumpf, der keine Aale
hervorbringt, eine schmutzige Pfütze, in der nicht einmal ein Frosch leben
kann. Man durchsiebe einen Faulenzer Korn für Korn, und man wird nichts als
Spreu an ihm finden. Ich habe Leute sagen hören: „Besser nichts tun, als Böses
tun.“ Aber auch das leuchtet mir nicht recht ein; diese Rede glänzt schön, aber
ich glaube nicht, dass sie von Gold ist. Auch diese kleine Prise Lob gönne ich
der Trägheit nicht, ich sage, sie ist durch und durch schlecht. Denn seht, ein
Mensch, der Böses tut, ist ein Sperling, der das Korn plündert – aber ein
träger Mensch ist ein Sperling, der auf einem Nest voller Eier sitzt, aus denen
allen in kurzer Zeit wieder Sperlinge hervorgehen und unberechenbaren Schaden anrichten
werden. Sagt, was ihr wollt, ich bin gewiss: Das üppigste Unkraut wächst nicht
in den Gemütern derjenigen, die bemüht sind, Übles zu tun, sondern in den
Gedankenwinkeln fauler Menschen, wo sich der Teufel nach Art der alten
Schlange, die er ist, ungesehen verstecken kann. Ich kann es nicht leiden, dass
unsere jungen Leute Unfug treiben, aber ich möchte sie lieber bei ihren tollen
Streichen bis an den Hals im Dreck stecken sehen, als dass sie umherschlendern
und nichts zu tun haben. Wenn das Übel des Nichtstuns heute kleiner zu sein
scheint, so wird es morgen also desto größer offenbar werden – der Teufel legt
Kohlen auf das Feuer, und deshalb flammt es nicht auf. Aber verlasst euch
darauf, schließlich wird die Flamme nur desto größer sein.
Ihr Trägen, ihr müsst
schon selber euer eigenes Lob singen, denn niemand anders kann etwas Gutes an
euch entdecken, das zu loben wäre. Auch durch die größte Brille im Lande würde
sich an euch nichts erkennen lassen, was der Rede wert wäre.
„Wie Essig den Zähnen
und Rauch den Augen“ (Sprüche 10,26), so ist der Faule einem jeden der im
Schweiße seines Angesichts sein ehrlich Stück Brot verdient, während diese
Burschen sich das Gras bis an die Knöchel wachsen lassen und nur dastehen und
das Land hindern, wie die Bibel sagt (Lukas 13,7).
Ein Mensch, der seine
Zeit und seine Kraft mit Nichtstun vergeudet, stellt sich selbst dem Teufel als
Zielscheibe hin, der ein ganz vortrefflicher Schütze ist und den Müßiggänger
über und über mit seinen Schüssen durchlöchern wird. Mit anderen Worten: Träge
Menschen versuchen den Teufel sie zu versuchen. Wer spielt, wenn er arbeiten
sollte der hat einen bösen Geist zum Spielkameraden, und wer weder arbeitet
noch spielt, macht sich zu einer Werkstatt des Satans. Wenn der Teufel einen
Menschen beim Müßiggang trifft, so stellt er ihn an die Arbeit, gibt ihm
Werkzeug in die Hände und bezahlt ihm auch bald seinen Lohn. Ist das nicht die
Quelle, aus der die Trunkenheit kommt, die Stadt und Land mit Elend erfüllt?
„Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Man hat einen doppelten Magen zum Essen
und Trinken, wenn man keinen Magen zur Arbeit hat. Jenes kleine Loch gerad'
unter der Nase verschlingt in trägen Stunden das Geld, welches den Kindern
Kleider verschaffen und Brot auf den Tisch liefern sollte. Gottes Wort spricht
es als eine allgemeine Regel aus, dass „die Säufer und Schlemmer verarmen“, und
um die Verbindung zwischen diesen beiden Dingen anzuzeigen, heißt es in
demselben Vers: „und ein Schläfer muss zerrissene Kleider tragen“ (Sprüche
23,21). Wie auf alten Dächern Moos wächst, so gehen Ausschreitungen und
Trunkenheit aus müßigen Stunden hervor. Ich möchte auch Mußestunden haben, wenn
ich sie bekommen kann, aber das ist etwas ganz anderes. Faule Leute haben keine
Mußestunden; sie sind immer in Hast und Eile, und weil sie es unterlassen, zur
rechten Zeit zu arbeiten, so haben sie immer eine Menge zu tun. Eine Stunde
nach der anderen mit Nichtstun verträumen, heißt Löcher in der Hecke machen, wo
die Schweine hindurchlaufen können. Die Verwüstungen, die sie anrichten, kennen
nur die, deren Aufgabe es ist, nach dem Garten zu sehen. Der Herr Jesus sagt
uns selbst, dass, als die Leute schliefen, der Feind Unkraut säte, und das
trifft den Nagel auf den Kopf. Denn durch das Tor der Faulheit zieht, wie mir scheint,
das Böse viel öfter ins Herz hinein als durch irgendein anderes. Unser alter
Prediger pflegte zu sagen: „Ein Faulenzer ist ein schönes Rohmaterial für den
Teufel; er kann alles, was er will aus ihm machen.“ Ich bin nicht der einzige,
der den Trägen verdammt. Unser Prediger fragte mich einmal nach einem unserer
Leute. Ich war im Begriff, ein ziemlich langes Register von seinen Sünden
aufzuzählen und fing mit den Worten an: „Er ist schrecklich faul.“ „Das
reicht“, erwiderte da der alte Herr, „alle Arten von Sünden stecken in dieser
einen; das ist das Merkmal, an dem man einen ausgewachsenen Sünder erkennen
kann.“
Ich habe meinen
Söhnen immer den Rat gegeben: Geht dem Müßiggänger aus dem Wege, oder er wird
euch mit seiner Krankheit anstecken, und ihr werdet sie nicht los werden. Ich
fürchte immer, dass ich auf den Weg der Trägheit geraten könnte und ich passe
immer sehr auf, etwas Derartiges im Keim zu ersticken; denn ihr wisst, es ist
am besten, den Löwen zu töten, wenn er noch ganz jung ist. Unsere Kinder, das
ist sicher, tragen unsere ganze böse Natur in sich herum, denn man kann sie von
selber wachsen sehen, wie Unkraut in einem Garten. Unsere Kinder werden mit
„lustigen Gesellen“ zu nichtsnutzigen Dingen fortlaufen, wenn wir es nicht noch
„lustiger“ für sie machen, in ihrem Zuhause zu verweilen, und wenn wir sie
nicht so erziehen, dass sie die Gesellschaft der Müßiggänger hassen. Lasst sie
nie ins Wirtshaus gehen. Lasst sie lernen, sich selber einen Groschen zu
verdienen, während sie noch jung sind. Lasst sie Rosen in ihres Vaters Garten
ziehen. Erzieht sie zu Bienen und sie werden keine Drohnen werden!
Man hört heutzutage
viele Klagen über schlechte Herren, schlechte Herrschaften usw., und ich glaube
wohl, dass viel Wahres daran ist, denn es gibt jetzt allerlei Arten von
Schlechtigkeiten, wie es sie zu allen Zeiten
gegeben hat. Ein andermal – wenn es mir
vergönnt ist – will ich auch über diesen Gegenstand meine Rede halten.
Aber ich bin gewiss, dass es auch genug Ursache zur Klage über einige aus der
Arbeiterklasse gibt, insbesondere, was die Trägheit betrifft. Gewiss, wir
müssen mit solchem Zugvieh pflügen, wie wir es gerade haben. Aber was einige
Menschen betrifft, mit denen ich manchmal arbeiten muss, so möchte ich mir
ebenso gern ein Paar Schnecken vorspannen oder mit einem toten Frettchen auf
die Kaninchenjagd gehen. Und doch schwadronieren sie immerzu von ihrem Recht.
Ich wünschte sie würfen auch einmal einen Blick auf ihr Unrecht und ständen
nicht da und lehnten sich auf den Griff des Pfluges. Faule Schlendriane sind
gar keine „Arbeiter“, ebenso wenig wie ein Schwein ein Stier ist oder eine
Distel ein Apfelbaum. Nicht alle, die einen grünen Rock tragen, sind darum auch
Jäger, noch verdienen alle, die sich so nennen, den Namen Arbeiter. Ich wundere
mich manchmal, dass einige unsrer Arbeitgeber sich so viele Katzen halten die
ihnen keine Mäuse fangen. Ich wurde eher mein Geld in den Brunnen werfen, als
einige Leute für ihre so genannte Arbeit bezahlen, über die man sich nur
ärgert, dass einem die Haut juckt, wenn man sieht, wie sie einen ganzen Tag auf
einem Kohlblatt herumkriechen. Leben und leben lassen, so sage ich auch, aber
ich schließe keine Faulenzer in dieses Recht mit ein, denn wer nicht arbeiten
will, der soll auch nicht essen.
Vielleicht ist hier
der rechte Ort für die Bemerkung, dass einige Personen aus den so genannten
höheren Klassen in dieser Beziehung ein sehr trauriges Beispiel geben. Denn von
diesen unseren „großen Herren“ sind einige so faul, wie sie reich sind, und oft
noch mehr. Die großen Murmeltiere schlafen ebenso lange und so fest wie die
kleinen. Mancher Pastor kauft sich oder borgt sich seine Predigt, um sich
dadurch die Mühe des Selbstdenkens zu ersparen. Ist das nicht eine abscheuliche
Faulheit? Viele von unseren Edelherren haben nichts anderes zu tun, als ihr
Haar glatt zu kämmen. Und viele von den hohen Herrschaften in London, sowohl
Damen als Herren, so habe ich gehört, haben nichts Besseres zu tun, als die
Zeit totzuschlagen. Nun gibt es ein Sprichwort: „Je höher der Affe klettert,
desto besser kann man seinen Schwanz sehen.“ Und so ist es auch bei diesen
Leuten: Je größer sie sind, desto mehr kann man ihre Trägheit wahrnehmen – und
desto mehr sollten sie sich deren schämen. Ich sage nicht, dass sie pflügen
sollten, aber ich sage, sie sollten etwas für die Allgemeinheit tun und sich
nicht damit begnügen, wie die Raupen auf dem Kohl zu sitzen und sein Gutes zu
genießen, oder wie die Schmetterlinge zu sein, die mit ihren Farben prangen,
aber keinen Honig machen. Lieber will ich hier auf dem Felde müde und
abgemattet wie meines Herrn alter Gaul niedersinken, als Brot und Käse essen,
das ich nicht verdient habe. Besser ein ehrenvoller Tod als ein Leben, das
keinem Menschen Nutzen bringt – ein Mensch, dessen Leben ein leeres Stück Papier
ist.
Übrigens bekommen die
trägen Menschen doch nicht viel Ruhe mit all ihrer Schlauheit, denn schließlich
haben sie sich immer am meisten zu mühen. Sie wollen das Dach nicht ausbessern,
und so müssen sie sich ein neues Haus bauen. Sie wollen das Pferd nicht vor den
Wagen spannen, und so müssen sie ihn selber ziehen. Wenn sie weise wären so
würden sie ihre Arbeit gut machen, damit sie sie nicht zweimal zu machen
brauchten, tapfer ziehen, wenn sie im Geschirr sind, und sie sich damit, vom
Halse schaffen. Wer daher keine schwere Arbeit liebt, dem rat' ich: Greife dein
Werk mutig an und mache es schnell ab, so hast du nachher auch wieder desto
mehr Ruhezeit! Ich wünschte, dass alle frommen Leute diesen Gegenstand genau
betrachteten. Denn einige, die sich zu den Gläubigen zählen, sind erstaunlich
träge und geben dadurch den Zungen der Gottlosen viel Stoff zum Lästern. Ich
denke mir, ein gottesfürchtiger Pflüger müsste der beste Arbeiter auf dem Felde
sein, und kein Gespann müsste es mit dem seinigen aufnehmen können. Wenn wir
bei der Arbeit sind, so sollten wir auch unsre ganze Aufmerksamkeit darauf
verwenden und den Pflug nicht anhalten, um zu plaudern, auch wenn sich unser
Gespräch um geistliche Dinge bewegte. Denn dann bestehlen wir unsre Arbeitgeber
nicht nur um unsre eigene Zeit, sondern auch um die Zeit der Pferde. Ich habe
Leute sagen hören: „Halte nie den Pflug an, um eine Maus zu fangen.“ Ebenso
töricht ist es, anzuhalten, um eitles Geschwätz zu führen. Außerdem ist
derjenige, der saumselig ist, wenn der Heu fort ist, ein Augendiener, was, so
viel ich weiß, das gerade Gegenteil von einem Christen ist. Wenn einige von den
Mitgliedern in unserer Gemeinde ihre Arme und Beine etwas schneller bewegen
wollten bei ihrer Arbeit und ihre Zunge etwas langsamer, so würden sie für
unseren Glauben ein besseres Zeugnis ablegen, als sie es jetzt tun. Die Welt
sagt, die größten Schurken seien die frommen Schurken. Und ich bedauere, sagen
zu müssen, dass einer der größten Faulenzer, die ich kenne, ein gläubiger Mann
von der Art der „Schwätzer“ in Bunyans „Pilgerreise“ ist. Sein Garten ist so
mit Unkraut überwachsen, dass ich oft Lust habe, es statt seiner auszujäten, um
unserer Gemeinde die Schande zu ersparen, die er ihr macht. Wäre er ein junger
Bursche, so würde ich ihn darüber zur Rede stellen und ihn eines Besseren
belehren, aber wer kann bei einem sechzigjährigen Kinde Schulmeister spielen?
Er ist ein rechter Dorn im Auge für unseren guten Prediger, der ganz bekümmert
darüber ist und bisweilen sagt, dass er sich eine andere Stelle suchen wolle,
weil er ein solches Betragen nicht ertragen könne. Ich sage ihm aber, dass,
wohin man auch geht, man sicherlich einen Dornenbusch neben seiner Tür haben
wird, und dass man Gott danken kann, wenn es nicht ihrer zwei sind. Nichtsdestoweniger
ist es mein ernstlicher Wunsch, dass alle Christen fleißige Leute sein möchten,
denn das Christentum hat durchaus nicht den Zweck, uns träge zu machen. Jesus
übte eine außerordentliche Tätigkeit aus, und seine Jünger dürfen sich nicht
vor harter Arbeit scheuen.
Was Kälte des Herzens
und Schläfrigkeit im Dienst des Herrn betrifft, so hat es zu viel davon
gegeben und ist mit dafür verantwortlich, dass das geistliche Leben zugrunde
geht. Die Menschen reiten auf Hirschen, wenn sie nach Gewinn jagen, und auf
Schnecken, wenn sie auf dem Wege zum Himmel sind. Der Prediger langweilt die
Gemeinde, träumt und schaukelt sich auf dem Sorgenstuhl, und die Gemeinde fängt
an zu gähnen und die Hände zusammenzufalten, und dann heißt es, Gott habe den
Segen vorenthalten. Jeder Taugenichts bejammert das Unglück, das ihn getroffen
hat, und einige Gemeinden haben denselben bösen Kniff zu gebrauchen gelernt.
Ich glaube, dass, wenn Paulus pflanzt und Apollos begießt, Gott das Gedeihen
gibt, und ich habe keine Geduld mit denjenigen, welche die Schuld auf Gott
wälzen, während sie sie bei sich selber zu suchen haben. Jetzt habe ich meinen
Flachs angesponnen. Ich fürchte freilich, dass ich einen vertrockneten Stamm
begossen habe. Allein, ich habe mein Bestes getan, und kein König kann mehr
tun. Eine Ameise bringt es nicht zum Honigmachen, wenn sie auch ihr Leben
daransetzt, und ich werde meine Gedanken nie so zierlich ausdrücken können, wie
es die gelehrten Herren Bücherschreiber verstehen. Doch was wahr ist, das ist
wahr, sei es auch in einen Leinwandkittel gekleidet, und damit basta!
In der Kirche zu
Walton in der Grafschaft Surrey befindet sich ein Zaum für Lästermäuler, der in
früheren Jahren dazu gebraucht wurde, die Zungen der Frauen daran zu hindern,
ihre Ehemänner und ihre Nachbarn zu belästigen. Man hat in den guten alten
Zeiten seltsame Dinge getan. War dieser Zaum ein Beweis von dem, was unser
Pastor „die Weisheit unserer Altvorderen“ nennt, oder war er ein Stück
unnötiger Grausamkeit?
Manche gottlosen und
boshaften Redensarten über die Frauen sind aus der allgemeinen Beobachtung
hervorgegangen, dass die Frauen unendlich viel Schaden mit ihren Zungen
anrichten. Stimmt das oder nicht? Der Pflüger Hans will lieber einen anderen
statt seiner darauf antworten lassen, denn er muss bekennen, dass er auch kein
Geheimnis für sich behalten kann und dass er wie viele andere so ein
Plauderstündchen schätzt, – nur dass Hans keine Freude daran findet, andere
Leute dabei herunterzuputzen, und dass er die Lästerungen, die einigen so sehr
munden, nicht leiden kann. Hans legt die Frage weiseren Leuten vor, als er
selber es ist: Sind die Frauen viel schlimmer in dieser Beziehung als die
Männer? Man sagt, dass Schweigen ein schöner Schmuck für eine Frau sei, dass er
aber sehr wenig getragen werde. Ist es so? Ist es wahr, dass eine Frau nur das
verheimlicht, was sie nicht weiß? Sind Frauenzungen den Lämmerschwänzen gleich,
die sich immerzu bewegen? Stimmt das oder nicht? War jenes alte Gebet unnötig:
„Gott bewahre uns vor großen Kanonen und vor Weiberzungen!“ Hans hat selber
eine ganz vortreffliche und stille Frau, deren Stimme so süß ist, dass er sie
nicht zu oft hören kann, und darum ist er kein unparteiischer Richter in dieser
Sache. Aber er hat auch etwas Sorge, dass einige andere Frauen lieber predigen
als beten und keinen starken Kaffee zu trinken brauchen, um ihre Mühlenräder in
Bewegung zu setzen. Jedoch – was für die Gans gut ist, ist auch gut für den
Gänserich, und einige Männer verstehen das Klatschen und Tratschen ebenso gut
wie die Frauen.
Wie schade, dass
nicht eine Steuer auf Worte erhoben wird. Welche Einnahmen würde der Staat
dadurch haben! Aber leider ist das Reden steuerfrei. Und wenn für Lügen das
Doppelte zu bezahlen wäre, so könnte die Regierung sämtliche Staatsschulden
damit abtragen; nur – wer könnte das Geld einsammeln? Das allgemeine Gerücht
ist ein allgemeiner Lügner. Hörensagen ist halb gelogen. Eine Geschichte wird
nicht kürzer durchs Wiedererzählen. Wie ein Schneeball wächst ein Gerücht im
Rollen. Wer viel redet, lügt viel. Wenn die Menschen nur das erzählen würden,
was wahr ist, was für eine friedliche Welt würden wir dann haben! Schweigen
richtet selten Schaden an, aber Reden ist eine Landplage. Schweigen ist
Weisheit, und an diesem Satz gemessen, gibt es wenige weise Männer und weise
Frauen. Stille Wasser sind tief, die seichtesten Bäche murmeln am lautesten.
Ein offener Mund lässt auf einen leeren Kopf schließen. Wenn der Schrank Gold
und Silber enthielt, würde er nicht immer weit offen stehen. Das Reden kommt
einem von selber, aber es kostet ein gutes Stück Erziehung, um ruhig sein zu
lernen.
Wenn wir nur einmal
durchaus reden müssen, so lasst uns wenigstens Lästerworte vermeiden und nicht
hinter dem Rücken reden. Für den Geschichtenerzähler mag das Lästern ein
Vergnügen sein, aber es ist der Tod für den Verlästerten. Wir können mit der
Zunge ebenso gut einen Mord begehen wie mit der Hand. Rufmord ist eines der
schlimmsten Übel. Wie sagte der Quäker zu seinem Hund: „Ich will dich nicht
schlagen, ich will dich nicht beschimpfen, aber ich will dir einen schlechten
Namen anhängen“? Nicht alle, die von Hunden angebellt werden, sind Diebe, aber
sie werden doch meistens so behandelt, als ob sie es wären. Denn man glaubt
meistens, dass, wo Rauch ist, auch Feuer sein müsse, und dass, was jedermann
sage, wahr sein müsse. Lasst uns also sorgsam sein, dass wir unserem Nächsten
nicht an einer so empfindlichen Stelle, wie es sein guter Ruf ist, verletzen.
Es ist schwer, Schmutz los zu werden, wenn man einmal damit beworfen worden
ist. Wenn jemand erst einmal auf der schwarzen Liste der Leute steht, so kommt
er selten wieder ganz davon herunter. Wer nicht unrecht reden möchte, dem ist
zu empfehlen, so wenig wie möglich zu reden. Denn wenn aller Menschen Sünden
auf zwei Haufen verteilt würden, so würde sich zeigen, dass die eine Hälfte
Zungensünden sind. „Wir fehlen alle mannigfaltig. Wer aber auch im Wort nicht
fehlt, der ist ein vollkommener Mann und kann auch den ganzen Leib im Zaum
halten“ (Jakobus 3,2).
Ihr Schwätzer und
Schwätzerinnen, gebt das schmähliche Geschäft der Zuträgerei auf! Dient dem
Teufel nicht länger als Blasebälge, mit denen er das Feuer des Streites schürt.
Hört auf, die Leute gegeneinander aufzuhetzen! Wenn ihr nicht ein Stück von eurer
Zunge abschneiden könnt, so würzt sie wenigstens mit dem Salz der Gnade! Preist
Gott mehr und tadelt eure Nachbarn weniger! Jede Gans kann schnattern, jede
Fliege kann eine wunde Stelle auffinden, jedes leere Fass kann tönen, jeder
Dornstrauch kann einen Menschen verwunden. Wenn ihr den Mund zuhaltet, so
werden euch keine Fliegen in den Hals kommen – und keine üblen Nachreden
heraus. Denkt viel, aber sprecht wenig! Seid schnell, zu arbeiten, und langsam,
zu reden! Vor allem aber bittet den Gott aller Gnade: „Bestelle, Herr, eine
Wache für meinen Mund! Wache über die Tür meiner Lippen!“ (Psalm 141,3;
Elberfelder Übersetzung).
Einige Leute sind nie
zur Stelle, wenn der Zug abfährt. Sie kommen genau zu der Zeit in den Bahnhof geschlendert,
zu der sie gewiss sein können, dass es zu spät ist, und sagen dann in
schläfrigem Ton: „Was? Ist der Zug schon fort? Da muss meine Uhr in der Nacht
stehen geblieben sein!“ Sie kommen regelmäßig einen Tag nach dem Markt zur
Stadt und packen ihre Waren eine Stunde nach Geschäftsschluss aus. Sie machen
ihr Heu, wenn die Sonne nicht mehr scheint, und schneiden das Korn, sobald das
schöne Wetter vorüber ist. Sie schreien „Halt!“, wenn der Schuss aus dem Gewehr
heraus ist, und verschließen die Stalltür, nachdem das Pferd gestohlen ist. Sie
gleichen dem Kuhschwanz, der immer hinten nachhängt. Unpünktliche Leute
entschuldigen sich meistens mit den Worten, dass sie sich nur ein wenig
verspätet haben; aber ein wenig zu spät ist viel zu spät, und beinahe gewonnen
bedeutet ganz verloren. Mein Nachbar Gemächlich deckte seinen Brunnen zu,
nachdem das Kind hineingefallen war. Demnächst wird er den Entschluss fassen,
sein Testament zu machen, wenn er die Feder nicht mehr in der Hand halten kann,
und wird versuchen, Buße zu tun, wenn ihm das Bewusstsein zu schwinden beginnt.
Diese langsamen
Menschen denken Morgen ist besser als heute. Ihre Lebensregel ist ein altes,
aber auf den Kopf gestelltes Sprichwort: „Was du heute kannst besorgen, das
verschieb getrost auf morgen.“ Sie warten immer auf gebratene Tauben, die ihnen
in den Mund fliegen sollen, und träumen immer von einem Glück, das ihnen in den
Schoß fallen werde. Dabei wuchert das Unkraut in ihren Furchen, und die Kühe
brechen durch die Lücken ihrer Hecken hindurch. Wenn sich die Fasane nur Salz
auf den Schwanz streuen lassen wollten, was für einen Schmaus würden sie dann
ihren Familien heimbringen! Solange sich aber alles :in der Welt noch immer so
schnell bewegt werden ihre Kleinen schon den Löffel leer in den Mund stecken
müssen. „Lass gut sein“, sagen sie, „es kommen bessere Zeiten, warte noch
einweniglänger.“ Ihre Tauben sind alle auf dem Dach und sind alle
außerordentlich fett, wie sie meinen; und es wäre ihnen dies auch sehr zu
wünschen, denn bis jetzt haben sie noch keine in der Hand gehabt, nicht einmal
einen Spatz. Es wird noch was zum Vorschein kommen, sagen sie; warum gehen die
dummen Menschen nicht selber hin und bringen es zum Vorschein? Zeit und Flut
warten auf niemand, und doch treiben sich diese Müßiggänger umher, als ob Zeit
und Gelegenheit ihnen als unverlierbarer Erbbesitz gehörte, als ob sie eine
bestimmte Lebenszeit gepachtet hätten, als ob man sich ein Kaninchengehege von
guten Gelegenheiten anlegen könnte. Doch wer den Frühling vergeudet, wird einen
mageren Herbst haben. Wer das Eisen nicht schmieden will, wenn es heiß ist,
wird das kalte Eisen bald sehr hart finden. Wer nicht will, wenn er kann, wird
nicht können, wenn er will. Die Zeit fährt vorüber wie der Wind, und wer sein
Korn mit ihr mahlen will, muss die Mühlenflügel nach ihr richten. Wer den Mund
aufsperrt, bis er Brot hat, wird ihn solange aufsperren, bis er den Tod hat.
Nichts in der Welt ist ohne Mühe zu erlangen, als Armut und Schmutz. Früher
pflegte man zu sagen: „Der Dumme hat Glück“ – aber heutzutage ist eher das
Gegenteil richtig. Nie aber, weder in alten noch zu irgendwelchen anderen
Zeiten, wird einer Glück haben, der sich die ihm gebotenen guten Gelegenheiten
törichterweise entgehen lässt. Denn die Hasen laufen nicht den schlafenden
Hunden ins Maul. Wer Zeit hat und auf bessere Zeit wartet, wird eine Zeit
bekommen, die ihm nicht gefällt. Wenn ich einen Menschen finde, der über die
schlechten Zeiten klagt und jammert, dass er immer Unglück habe, so sage ich
mir gewöhnlich: Die alte Gans ist nicht ordentlich auf den Eiern sitzen
geblieben, und nun, wo sie alle verdorben sind, klagt sie die Vorsehung an,
dass keine Jungen herauskommen. Ich habe niemals an das Glückhaben geglaubt,
außer in der Art, dass ich glaube: Einen Menschen wird sein Glück über den
Graben tragen, wenn er tüchtig springt; es wird ihm ein Stück Speck in den Topf
tun, wenn er fleißig nach seinem Garten sieht und sich ein Schwein fett macht.
Ich denke mir, dass das Glück wenigstens einmal im Leben an jedermanns Tür
klopft, macht aber dann der Fleiß die Tür nicht auf – fort ist es! Wer den
letzten Zug versäumt hat und sich jede Gelegenheit entwischen lässt, fängt
meistens an, sein Schicksal zu schelten, dass es ihn immer in ungünstige
Umstände versetze. „Ich habe doch immer Pech. Wäre ich Hutmacher, so würden
bestimmt die Leute ohne Köpfe geboren werden. Liefe ich ans Meer, um Wasser zu
schöpfen, so fände ich's ausgetrocknet.“ Jeder Wind ist widrig für ein
unvernünftiges Schiff. Weder die Weisen noch die Wohlhabenden können dem
helfen, der sich lange geweigert hat, sich selber zu helfen.
Wer gut durch die
Welt kommen will, muss wachsam um sich blicken und selbst im Schlafe ein Auge
offen haben, denn es gibt manchen Köder für Fische, manches Netz für Vögel und
manche Falle für Menschen. Solange so viele Füchse umherlaufen, dürfen wir
keine Gänse sein. Viele Leute sehen mit einem Auge mehr als andere mit
zweien, und viele haben gute Augen und können doch gar nichts erkennen. Nicht alle
Köpfe sind mit Weisheit gefüllt. Einige sind so schlau, dass sie jeden
verdächtigen und ihr ganzes Leben in elender Furcht vor ihren Nachbarn
zubringen. Andere sind so einfältig, dass sie sich von jedem Betrüger foppen
und das Fell über die Ohren ziehen lassen. Der eine versucht, durch eine dicke
Mauer hindurchzugucken, und wundert sich, dass er dabei seine Augen
überanstrengt. Der andere entdeckt ein Loch darin und sieht da hindurch – so
weit, wie es ihm gefällt. Einige arbeiten vor der Tür eines Schmelzofens und
werden doch nicht versengt, andere verbrennen sich die Finger an einem Feuer,
an dem sie sich nur wärmen wollten. Nun stimmt es zwar, dass niemand einen
anderen zu einem weisen Mann machen kann, sondern dass jeder aus Erfahrung
selbst klug werden muss. Ich will aber dennoch einige Mahnungen zur Vorsicht
zum besten geben, die mir für meine Person gute Dienste geleistet haben:
vielleicht sind sie auch anderen zum Nutzen.
Niemand sieht einem
ehrlichen Mann ähnlicher als ein recht durchtriebener Schurke. Wenn du einen
Menschen siehst, der ganz besonders viel Frömmigkeit in seinem Schaufenster
ausstellt, so kannst du gewiss sein, dass er nur einen kleinen Vorrat davon im
Lager hat. Wähle deinen Freund nicht nach dem Äußeren: Hübsche Schuhe drücken oft.
Vorsicht vor Komplimenten! Halte nicht den Menschen für den besten, der zu
allem und jedem was zu sagen hat: Katzen, die viel miauen, fangen selten viele
Mäuse. Gib dich ja nicht in die Gewalt eines anderen Menschen; wer seinen
Daumen zwischen zwei Mühlsteine hält, darf sich nicht wundem, dass er
gequetscht wird. Trinke nichts, ohne zu sehen, was es ist. Unterschreibe
nichts, ohne es vorher gelesen zu haben, und überzeuge dich, dass nicht mehr
damit gemeint ist, als die Worte besagen. Prozessiere nicht, wenn du noch etwas
zu verlieren hast. Wate bei keiner Sache tiefer ins Wasser hinein, als du noch
den Grund erkennen kannst. Setze kein Vertrauen auf die Quittung am Geldbeutel,
und zähle das Geld selbst nach. Lass dir den Sack aufmachen, ehe du kaufst, was
darin ist. Wer die Katze im Sack kauft, ist förmlich darauf aus, betrogen zu
werden. Halte dich fern von Menschen, die nichts von sich selber halten. Hüte
dich vor jedem Flucher; denn wer seinen Schöpfer lästern kann, macht sich auch
nichts aus Lügen und Stehlen. Hüte dich aber vor niemand mehr als vor dir
selber; denn wir tragen die schlimmsten Feinde in unserem eigenen Herzen.
Begegnet dir eine neue Lehre oder Meinung, so beiße nicht eher zu, bis du
weißt, ob sie Brot oder Stein ist, und denke nicht, dass der Pfefferkuchen gut
sein muss, weil er mit Schokolade verziert ist. Schreie nicht Hurra, bevor du
nicht ganz aus dem Wald heraus bist, und mache nicht eher ein Hallo, als bis du
den Fisch im Netz hast. Zum Rühmen ist es immer noch früh genug. Gieße kein
schmutziges Wasser fort, bis du sauberes hast. Fahre fort, die Straße zu fegen,
solange du keine bessere Arbeit bekommen kannst. Der geringste Verdienst ist
besser als gar keiner, und der niedrigste Dienst ist besser, als ohne Arbeit zu
sein. Einem Ochsen und einem Verrückten gehe stets aus dem Weg. Prügle dich
nicht mit einem Kohlenträger und streite nicht mit einem schlechten Menschen,
denn sie machen dich beide sicherlich schwarz. Reite nie auf einem Pferd mit
gebrochenen Beinen. Der Kaufmann, der sich einmal eines betrügerischen
Bankrotts schuldig gemacht hat, ist nicht der rechte Mann, um mit ihm Geschäfte
zu machen. Ein wackeliger Stuhl ist ein gefährlicher Sitz. Allzu höflichen
Leuten traue nicht. Lass dich nicht mit solchen ein, die naseweis oder grob
sind. Wenn du eine Nebenabsicht spürst, so sei auf der Hut. Stelle die Falle
auf, sobald du eine Ratte riechst, aber nimm dich in acht, dass du dir nicht
die Finger dabei klemmst. Habe nichts zu schaffen mit einem Prahlhans, denn
sein Bier ist lauter Schaum; und wenn er sich auch rühmt, dass alle seine Waren
und selbst sein Hausgeschirr aus Gold und Silber bestehen, so wirst du bald die
Entdeckung machen, dass Prahlhänse und Lügner Vettern sind.
Vertraue niemandem
alle deine Geheimnisse an; vertraue auf Gott mit ganzem Herzen, wäge aber dein
Vertrauen auf Freunde in den Schalen der Klugheit ab, denn Menschen sind nur
Menschen, und alle Menschen sind schwach. Hänge keine schweren Gewichte an
dünne Fäden. Sei aber auch nicht allzu argwöhnisch, denn der Argwohn ist im
besten Falle eine Tugend der Feiglinge.
Mein letzter Rat an
jedermann ist: Denke daran, dass das allein wahre Weisheit ist, die sich am
Ende als solche erweisen wird. Diese sucht, meine Freunde, und sucht sie zu den
Füßen des Weisesten aller Lehrer, des Herrn Jesu!
Es gibt nicht so
viele Stunden in einem Jahr, wie man Gedanken in einer Stunde haben kann. Die
Gedanken fliegen scharenweise wie Stare und in Schwärmen wie Bienen daher. Man
kann sie ebenso wenig zählen wie die dürren Blätter im Herbst. Und wie die
Glieder einer Kette zieht einer den anderen hinter sich her. Was für ein
unruhiges Geschöpf ist doch der Mensch! Seine Gedanken tanzen auf und nieder
wie die Mücken an einem Sommerabend! Wie eine Wanduhr voller Zahnräder, deren
Pendel sich in lebhafter Schwingung befindet, so bewegt sich sein Gemüt, so
schnell, wie die Zeit verfließt. Dadurch wird das Denken überaus bedeutsam. Aus
vielem Kleinen wird etwas Großes, und aus vielen leichten Gedanken wird leicht
ein schweres Gewicht von Sünden. Wo viele Kinder sind, hat die Mutter wohl
Ursache, sie gut zu beaufsichtigen. Wir sollen auf unsere Gedanken Acht geben,
denn wenn sie sich in unsere Feinde verwandeln, so werden sie überhand nehmen
und uns ins Verderben hinunterziehen. Gute Gedanken füllen unsere Seele mit
Himmelsliedern wie Vögel im Frühling, aber böse Gedanken werden uns stechen wie
Ottern.
Die Menschen meinen
oft, die Gedanken seien frei; aber ich erinnere mich gelesen zu haben, wenn
Gedanken auch zollfrei sind, so sind sie doch nicht höllenfrei. Das stimmt
genau mit dem überein, was das gute alte Buch, die Bibel, sagt. Wir können
wegen unserer Gedanken vor keinen irdischen Gerichtshof zitiert werden; aber
seid versichert, dass wir uns darüber vor dem letzten großen Tribunal werden
verantworten müssen. Böse Gedanken sind das innerste Mark der Sünde. Sie sind
das Malz aus dem die Sünde gebraut wird; der Zunder, welcher den Funken der
Versuchung des Teufels fängt; das Butterfass, in dem die Milch der Phantasie zu
Absichten und Plänen gerinnt; das Nest, in welches alle bösen Vögel ihre Eier
legen. Wie das Feuer sowohl Reisig als Holzblöcke verzehrt, wird Gott ebenso
wohl die sündlichen Gedanken wie die sündlichen Taten bestrafen (Matthäus 5,28;
9,4).
Denke niemand, dass
die Gedanken dem Herrn nicht bekannt seien. Denn er hat ein Fenster das sich
zum innersten Gemach der Seele hin öffnet – ein Fenster, das man durch keine
Läden verschließen kann. Wie wir in einem Aquarium die Fische beobachten, so
blickt das Auge des Herrn auf uns. Die Bibel sagt: „Ich kenne ihre Werke und
ihre Gedanken“ (Jesaja 66,18). Der Mensch ist für Gott lauter Außenseite; für
den Himmel gibt es keine Geheimnisse. Was im Privatgemach des Herzens
geschieht, ist für das Auge Gottes so öffentlich wie ein Marktplatz.
Einige werden sagen,
dass böse Gedanken unwillkürlich in ihnen aufsteigen. Das mag sein, aber die
Frage ist, ob sie sie hassen oder nicht? Wir können es den Dieben nicht
verbieten, in unsere Fenster hineinzusehen; wenn wir ihnen aber die Türen
aufmachen und sie mit Freuden aufnehmen, so sind wir nicht besser als sie. Wir
können die Vögel nicht hindern, über unseren Köpfen hinzufliegen; aber wir
brauchen es nicht zu dulden, dass sie ihre Nester in unseren Haaren bauen.
Unnütze Gedanken klopfen wohl an die Tür, aber wir sollen ihnen nicht auftun.
Wenn böse Gedanken auch in uns aufsteigen, so dürfen sie doch nicht über uns
herrschen. Wer einen Bissen im Munde hin und her bewegt, tut es, weil ihm der Geschmack gefällt; und wer in dieser
Weise über das Böse nachdenkt, liebt es und ist fähig, es zu begehen. Denke an
den Teufel, und er wird erscheinen. Wende deine Gedanken der Sünde zu, und
deine Hände werden bald nachfolgen. Schnecken lassen eine Schleimspur hinter
sich zurück, und ebenso machen es unnütze Gedanken. Ein Pfeil fliegt durch die
Luft, ohne eine Spur zurückzulassen; aber ein böser Gedanke lässt immer eine
Fährte hinter sich, wie eine Schlange. Wo viel böse Gedanken hausen, da wird
auch viel Schmutz und Unrat sein. Hätschle die Sünde nur auf dem Schoß des
Gedankens, und es wird ein Riese daraus erwachsen. Tauche Wolle in Petroleum
ein und wie wird es auflodern, wenn es dem Feuer zu nahe kommt! Darum gebietet
uns die Weisheit, das Denken und Planen unseres Herzens täglich in acht zu nehmen.
Gute Gedanken sind segenbringende Gäste und sollten herzlich willkommen
geheißen, reich bewirtet und oft eingeladen werden. Wie Rosenblätter geben sie
einen guten Geruch von sich, wenn sie im Krug des Gedächtnisses aufbewahrt
werden. Sie können gar nicht genug kultiviert werden; sie sind eine Frucht, die
den Boden bereichert. Wie eine Henne ihre Küken unter ihren Flügeln wärmt, so
sollten wir alle heiligen Gedanken in uns pflegen. Gottselige Betrachtungen
sollten uns über alles wertvoll sein. Geheiligte Gedanken bringen geheiligte
Worte und geheiligte Taten hervor und sind zuverlässige Kennzeichen eines
erneuerten Herzens. Wer möchte sie nicht haben? Ein sicherer Weg, den Scheffel
von Spreu freizuhalten, ist der, ihn bis oben an mit Weizen zu füllen. Und wenn
man eitle Gedanken fernhalten will, so ist es klug und weise, stets geeignete
Gegenstände im Herzen zu bewegen, die uns zu göttlichen Betrachtungen
veranlassen. Sie sind leicht zu finden. Wir sollten nie ohne sie sein. Möchten
wir stets mit David sagen können: „Als viele unruhige Gedanken in mir waren,
beglückten deine Tröstungen meine Seele“ (Psalm 94,19).
Wer sich rühmt, dass
er vollkommen sei, der ist ein vollkommener Narr. Ich habe mich schon ein gutes
Stück in der Welt umgesehen, aber ich habe noch nie ein vollkommenes Pferd
gesehen oder einen vollkommenen Menschen, und ich werde es auch nie, solange
nicht zwei Sonntage auf einen Tag fallen. Aus einem Kohlensack kann kein weißes
Mehl herauskommen, aus der menschlichen Natur keine Vollkommenheit; wer sie da
sucht, könnte ebenso gut Zucker im Meer suchen. Ein altes Sprichwort sagt:
„Leblos, fehlerlos.“ Von den Toten sollten wir nur Gutes reden, aber was die
Lebenden betrifft, so sind sie alle mehr oder weniger mit dem schwarzen Pinsel angestrichen,
und das kann man schon mit dem halben Auge sehen. Jeder Kopf hat eine weiche
Stelle, und jedes Herz hat seinen schwarzen Tropfen. Jede Rose hat ihre Dornen
und jeder Tag seine Nacht. Selbst die Sonne hat ihre Flecken, und der Himmel
wird von Wolken verdunkelt. Niemand ist so weise, dass er nicht töricht genug
wäre, sich auch eine Bude auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu errichten. Wo
ich die Narrenkappe nicht sehen konnte, habe ich doch wenigstens die Schellen
daran klingeln hören. Wie es keinen Sonnenschein ohne irgendwelchen Schatten
gibt, so ist alles menschliche Gute mit mehr oder weniger Übel vermischt.
Selbst die Armenkommission macht hier und da einen Fehler, und der Dorfküster
ist nicht ganz aus himmlischem Stoff. Der beste Wein hat seinen Bodensatz. Die
Fehler stehen den Menschen nicht immer an der Stirn geschrieben, und das ist
auch ganz gut so, denn sonst würden die Hüte sehr breite Krempen haben. Aber so
gewiss ein Ei dem anderen ähnlich ist, so stecken Fehler irgendwelcher Art in jedem
Menschenherzen. Niemand kann sagen, wann die Sünden eines Menschen heraustreten
werden, denn gerade, wenn man sie nicht erwartet, springen die Hasen aus dem
Graben hervor. Ein Pferd, das schwach in den Beinen ist kann vielleicht einen
halben Kilometer lang nicht straucheln, aber das Fehltreten sitzt doch in ihm
drin und der Reiter tut gut daran, es sorgsam zu lenken. Die alte Katze leckt
vielleicht jetzt keine Milch, lasse aber einmal die Tür zur Milchkammer offen,
und wir wollen sehen, ob sie nicht eine ebenso große Diebin ist wie das kleine
Kätzchen. Im Stein ist Feuer, so kalt er sich auch anfühlt: warte, bis er einen
Schlag vom Stahl erhält, und du wirst es sehen. Das wissen im Grunde alle,
dennoch denkt nicht jeder daran, sein Pulver sorgfältig davor zu hüten, dass es
nicht mit dem Feuer in Berührung kommt.
Wenn wir immer daran
denken würden, dass wir uns unter unvollkommenen Menschen in der Welt bewegen,
so würden wir nicht in solche Aufregung geraten, wenn wir die Fehler unserer
Freunde bemerken. Was verfault ist, das zerreißt. Töpfe, die einen Sprung
haben, lassen das Wasser durch. Die besten Menschen sind im besten Falle immer
nur Menschen, und auch das beste Wachs schmilzt. In dieser gefallenen Welt hat
das reinste Weizenfeld seine Portion Unkraut, das geradeste Stück Bauholz seine
Knoten. Auch der vorsichtigste Fuhrmann wirft einmal die Karre um, die
geschickteste Köchin vergießt ein wenig Brühe, und auch ein ganz tüchtiger
Pflüger – das weiß ich aus Erfahrung – bricht hin und wieder den Pflug entzwei
oder zieht die Furchen schief. Es ist töricht, sich von einem bewährten Freund
wegen einiger Fehler zu trennen, denn man mag einen einäugigen Gaul los werden
und einen blinden dafür kaufen. Da wir alle voller Fehler sind, sollten wir es
lernen, uns gegenseitig zu ertragen. „Wer selbst im Glashaus sitzt, soll nicht
mit Steinen schmeißen.“ Jeder lacht, wenn der Topf zum Kessel sagt: „Wie
schwarz bist du!“ Die Unvollkommenheiten anderer Menschen zeigen uns unsere
eigenen Unvollkommenheiten, denn ein Schaf ist so ziemlich wie das
andere. Wir sollten unsere Mitmenschen wie Spiegel gebrauchen, in denen wir
unsere eigenen Fehler erkennen, und das in uns selbst bessern, was wir an ihnen
wahrnehmen.
Ich habe keine Geduld mit denen, die ihre Nasen in jedermanns Haus stecken, um seine Fehler zu erschnüffeln, und die Vergrößerungsgläser benutzen, um die Fehler ihrer Nachbarn herauszufinden. Solche Leute sollten lieber zu Hause herumsuchen, sie könnten den Teufel da finden, wo sie ihn wenig erwartet haben. Was wir zu sehen wünschen, das werden wir sehen oder meinen, dass wir es sehen. Fehler sind immer dick, wo die Liebe dünn ist. Eine weiße Kuh ist total schwarz, wenn es deinem Auge beliebt, sie dafür anzusehen. Wenn wir lange genug an Rosenwasser schnuppern, so werden wir herausfinden, dass es einen schlechten Geruch hat. Es wäre weitaus angenehmer – wenigstens für die anderen – wenn die