Das Neue Testament in deutscher Fassung

mit Psalmen

 

unter Berücksichtigung vieler anderer Übersetzungen

 

 

Verantwortlich für die Fassung: Herbert Jantzen

 

© Urheberrechte beim Verfasser

 

 

.  Inhaltsverzeichnis

 

    Vorwort zur zweiten und erweiterten Auflage

 

    Aus dem Vorwort zur ersten Auflage des NTs

        Geschichtliches

        Persönliches

 

    Zum vorliegenden Text

        Der deutsche

        Der griechische

 

    Leitlinien der Übersetzung

 

    Hinweise für die Lektüre

        Zeichen, Zahlen, Druck

        Abkürzungen

 

    Das Neue Testament in deutscher Fassung

        Matthäus

        Markus

        usw.

 

    Eine Psalmenübersetzung

 

    Anhang zum NT

        Begriffserklärungen

            Griechische Begriffe

            Deutsche Begriffe

        Kurzer Übersetzungskommentar

        Literaturangaben

 

    Anhang zu den Psalmen

        Zur Übersetzung

        Begriffserklärungen

        Einzelne kurze Übersetzungskommentare

        Eine kurze Einführung zum Psalter

        Literaturangaben

 

 


.  Vorwort zur zweiten und erweiterten Auflage

 

Dankbar sind wir dem Herrn, dass diese Neufassung einen so verbreiteten Anklang gefunden hat. Er schenke es uns, in dieser dunklen Zeit die Fackel seines Wortes hochzuhalten.

    Unser Verleger sagt: „Du kannst noch so viel korrekturlesen, du findest immer etwas.“ Tatsächlich stellte es sich heraus, dass uns etliche unangenehme „Schnitzer“ unterlaufen waren. Zudem meinten wir, die Übersetzung an manchen Stellen noch verbessern zu dürfen. Auch diese Auflage wird verbesserungsfähig sein.

    In den Fußnoten wurden einige Veränderungen vorgenommen und im Anhang einiges erweitert bzw. gekürzt. Selbst im Vorwort und in den Hinweisen für die Lektüre befinden sich einige wenige Änderungen. Ein besonderer Dank sei hier denen ausgesprochen, die Verbesserungen vorgeschlagen haben.

    Da Thomas Jettel sich bereits intensiv mit den Psalmen beschäftigt hatte, wurden diese noch für den Druck vorbereitet. Mancher Bibelleser begrüßt ja ein NT zusammen mit diesem alten Gebetsbuch, das die neutestamentliche Gemeinde durch die Jahrhunderte so gern benutzt hat.

    Auf das Großschreiben von Fürwörtern, die sich auf Gott beziehen, ist verzichtet worden. Erstens ist es schwer zu entscheiden, bei welchen Fürwörtern es gemacht werden sollte. Zweitens riskiert man eine Willkür, denn es ist nicht immer klar, auf wen sich ein Fürwort bezieht. Außer in einigen Kreisen ist es auch nicht allgemeiner Brauch.

    –  Herbert Jantzen, im Januar 2009

 

 

.  Aus dem Vorwort zur ersten Auflage des Neuen Testamentes

 

    1.  Geschichtliches

 

Im Jahre 1752, in der Vorrede zu seinem NT, schrieb Johann Albrecht Bengel: „Die Mängel nun [von bereits bestehenden Übersetzungen] soll ein neuer Übersetzer zum Anlaß nehmen, es besser zu machen; den Tugenden aber nachfolgen.“

    Die weiteren Entwicklungen haben die Wichtigkeit dieses weisen Wortes noch erhöht. In der Geschichte der Bibelübersetzung des Neuen Testamentes sind nämlich zwei Phänomene aufgetreten, die, nach dem Urteil einiger Kenner der Szene, das Erhalten des Wortes Gottes für die Gemeinden gefährden. Seit dem 19. Jahrhundert unterliegt nämlich manchen Übersetzungen nicht mehr derselbe zu übersetzende Grundtext, d. h., der traditionelle so gen. „überlieferte Text“, den die großen Übersetzungen der Reformationszeit benutzten. Und seit dem 20. Jahrhundert haben wir zudem eine neue Übersetzungsweise, bei der ganze Wortgruppen übertragen werden und nicht mehr, wie früher und immer noch bei wichtigen und alten Texten, dem Text entlang übersetzt wird. Heutige Ausgaben des Neuen Testamentes können also einen anderen Grundtext haben sowie eine andere Übertragungsweise („Übertragung“ hier im eigentlichen Sinne gebraucht, nicht als lose/freie Wiedergabe).

    Um die dadurch entstandene Not zu beheben, gab es in den vergangenen Jahren zwei Neubearbeitungen bestehender Übersetzungen (an welchen der Schreiber das Vorrecht hatte, beratend ein wenig mitzuarbeiten). Revisionen sind jedoch in ihren Möglichkeiten begrenzt. Es wurde also der Schritt gewagt, die vor vielen Jahren begonnene Bruchstückarbeit weiterzuführen. Die neue Übersetzung sollte dann eine solche sein, mit der man ein gründliches Bibelstudium betreiben könnte, ohne dass sie eine zu schwere Studienbibel wäre. Das Projekt wurde jedoch nicht aus eigener Initiative unternommen. Wenn es nun in einigermaßen fertiger Form vorliegen darf, ist es auf die Vielen zurückzuführen, die immer wieder ein Interesse bekundeten, eine solche Fassung in die Hand zu bekommen. Ihnen sei an dieser Stelle für alle Ermutigung freundlichst gedankt. Es tut mir leid, dass man so lange hat warten müssen.

    Jede Bibelübersetzung, auch diese, ist, wie Bengel andeutete, verbesserungsfähig, denn niemand in der Vergangenheit ist vollkommen gewesen. Kein Spezialist denkt an alles. Dennoch ist es unternommen worden, der erwähnten Not entgegenzuwirken. Auch Nichtgeeignete machen sich an schwierige Aufgaben heran. Und da ganz besonders der, der kein Spezialist ist, wie dieser Schreiber, nicht an alles denkt, so ist auch die vorliegende Fassung unvollkommen. Darum sind Verbesserungsvorschläge willkommen, denn die Glieder des Leibes Christi ergänzen einander.

    In diesem Zeichen geschah auch diese Übersetzung nicht im Alleingang. Sie ist das Ergebnis nicht nur vieler Jahre persönlichen Umganges mit dem Wort, sondern vieler Begegnungen, persönlicher und in Schriften. Zu unermesslichem Dank bin ich dem engsten Mitarbeiter an diesem Projekt, Thomas Jettel, verpflichtet, dessen Gleichgesinnung, Fähigkeiten und aufopfernden Einsatz ich zu schätzen weiß. Nicht nur nahm er mir einen großen Teil der Vor- und Kleinarbeit ab; ein erheblicher Teil der Formulierungen stammt von ihm. Er ist auch verantwortlich gewesen für die Parallelstellen sowie einen Großteil der Fußnoten und des Anhanges. Zudem danke ich von Herzen den Lektoren, die in selbstloser Weise sich die Zeit nahmen, Texte einzusehen und wertvolle Änderungsvorschläge zu liefern, die oft sehr entscheidend waren. Obwohl ich also für das Endergebnis verantwortlich zeichne, ist es eine umfängliche Gemeinschaftsarbeit gewesen.

    Normalerweise hat eine Übersetzung eine Zielleserschaft. Es braucht mindestens drei Arten von Schriftwiedergabe, eine strenge und daher nicht so leserliche, die man z. B. in Kommentaren vorfinden kann, in der man jedoch den Grundtext besser erkennen kann, wie Gooding meint[1], zweitens eine allgemeine für die Gemeinde, die sowohl öffentlich gelesen und betrachtet als auch persönlich studiert werden kann, und eine einfachere, die Kinder, Evangeliumsfremde und solche, deren Muttersprache nicht die der Übersetzung ist, besser verstehen können. Bei der vorliegenden Ausgabe darf man an die mittlere Gruppe denken. Doch stelle man sich nicht die Gemeinde vor, die man heute im Westen zu oft vor Augen hat, sondern eine, die von der Liebe zum Herrn Jesus Christus und zu seinem Wort beseelt ist, die sodann bereit ist, mit allem Eifer nachzusehen, wie (und „ob) es sich (so) verhält“.

 

    2.  Persönliches

 

Das Übersetzen der Schrift kann eine mühevolle Arbeit sein. Sie ist aber zugleich eine kostbare, und wir können die Wahrheit der Apostelworte bestätigen (2Tm 2,6):

    „Es soll der Ackersmann, der arbeitet, [er] zuerst von den Früchten Anteil bekommen.“

  Auch können wir mit dem Paulus und seinen Mitarbeitern sagen: „Wir waren freimütig in unserem Gott, unter vielem Ringen die gute Botschaft zu sagen“ (1Th 2,2).

    Und noch einmal ein Wort aus Dr. Bengels Vorrede: „Ja, das NT selbst gab jenen heiligen Männern und gibt ebensowohl auch uns die vollkommenste Anleitung, wie es gelesen sein wolle: nämlich mit Gebet (Mt 13,36; 15,15), mit Aufmerksamkeit (Mt 24,15), mit heilsamer Absicht (2Tm 3,15-17) und mit wirklichem Gehorsam (Jh 7,17). Gehe denn mit einer so gefaßten Seele, du erbauungs-begieriger Leser, zu dem NT selbst, so wird dies den Mangel meiner Vorrede auf das reichlichste erstatten und dich an sich selbst durch den Glauben in Christo Jesu zur Seligkeit unterweisen. Das gebe der Gott aller Gnaden, zu seiner Ehre!“

    Jedem Leser der vorliegenden Version wünsche ich viel heilige Freude im Lesen sowie im Arbeiten mit derselben. Dass die Liebe zu Gottes Offenbarung in der Schrift dadurch zunehme, ist mein Gebet.

 

    -  Herbert Jantzen, Kelowna, Kanada, im Februar 2007

 

 

.  Zum vorliegenden Text

 

        1.  Der deutsche

 

Diese Ausgabe des Neuen Testamentes ist nun als Hilfe gedacht für Christen, die das Wort Gottes ernst zu nehmen wünschen und zu erforschen begehren.

 

            .  Erstens war es bei der Arbeit das Ziel, die Frage des Lesers: „Was steht denn eigentlich geschrieben?“ wenn möglich noch besser zu beantworten.

 

            .  Zweitens sind Zeichen in den Text eingefügt, die zum besseren Verständnis des Textes beitragen sollen. Diese werden weiter unten erklärt.

 

            .  Fußnoten enthalten zusätzliche Auskünfte zur Übersetzung. Hier und da sind auch einige Bemerkungen zum besseren Verständnis des Textes.

 

            .  Merkmal dieser Fassung ist auch das Vorkommnis hier und da einer so gen. „gedehnten Übersetzung“. Es gibt nämlich viele griechische Vokabeln, die man nicht mit nur einem deutschen Wort wiedergeben kann. In der Regel ist ein Ausdruck gewählt worden, nämlich der, der im betreffenden Zusammenhang der am besten geeignete zu sein schien, und weitere Nuancen wurden in die Fußnoten verlegt. Einige Begriffe jedoch wie z. B. apeitheia (Ungehorsam im Unglauben) oder ssoophrossünee (Besonnenheit und Zucht) haben zwei gleichwertige bzw. fast gleichwertige Bedeutungen. Da schien es besser, beide in den Fließtext hineinzunehmen.

 

            .  Hinweise auf Parallelstellen befinden sich zur Hauptsache am Rand des Textes.

Handelt es sich um die Übernahme eines alttestamentlichen Textes, was allerdings nicht immer so leicht zu erkennen ist, so kann die Parallelstelle gleich danach im Fließtext angegeben sein. Scheint es offensichtlich ein Zitat aus der unter Juden recht gebräuchlichen griechischen Übersetzung des alttestamentlichen Hebräischen zu sein, so ist vor die Parallelstellenangabe die Abkürzung „Vgl.“ gestellt, auch dort, wo das Zitat nicht genau dem hebr. Text entspricht.

    Wo im Parallelstellenapparat nicht offensichtlich ist, worauf sich die Parallelstelle bezieht, wird das jeweilige Bezugswort in Kursivschrift angegeben, meist abgekürzt. Ein Sternchen (*) im Anschluss an die Bibelstellenangabe bedeutet, dass an jener Stelle weitere Angaben zu finden sind. Stellenangaben ohne Buchangaben nach einem kursiv gedruckten Wort beziehen sich jeweils auf das Buch, in dem die Ausgangsstelle steht.

 

            .  Zwei weitere Studienhilfen sind im Anhang zu finden: Alphabetisch geordnet ist ein Begriffsverzeichnis mit kurzen Erklärungen. Dieser Anhang betrifft Wörter, die so häufig vorkommen, dass sie in Fußnoten zu erklären für den Leser ermüdend sein mag. Nach der biblischen Textfolge geordnet ist zudem ein Übersetzungskommentar zu einer Anzahl eventuell problematischer Stellen angefügt.

 

        2.  Der griechische Text

 

Dieser Fassung des NTs liegt der traditionelle so gen. „überlieferte Text“ von Robert Estienne (im Deutschen auch Stephanus genannt, da man Namen früher oft übersetzt hat) aus dem Jahre 1550 zu Grunde. Diesen halte ich für den besten von mehreren Fassungen, die zu der textus-receptus-Gruppe gehören.

    In seinem Vorwort zu „Das Neue Testament im ursprünglichen Griechisch“ von Maurice A. Robinson und William G. Pierpont schrieb Wm. David McBrayer: „Es gibt hauptsächlich zwei rivalisierende Texte des griechischen NTs, von denen jeder beansprucht, am besten die ursprünglichen Erstschriften widerzuspiegeln: den alexandrinischen Texttyp (erkennbar in etwa 5% der gesamten übriggebliebenen Handschriften) und die byzantinische Textform (die über 90% aller existierenden MSS umfasst).“

    Die Zahl der „existierenden Mss“ soll inzwischen auf über 6.000 gestiegen sein[2]. Innerhalb der „Mehrheitstext“gruppe gibt es eine Anzahl von griechischen Texten, die sich nur an einigen wenigen Stellen unterscheiden und die man den „überlieferten Text“ (textus receptus) nennt. Ohne mich auf eine unglückliche Auseinandersetzung einzulassen, seien kurz drei Gründe für meine Wahl angegeben.

 

            .  Gottes Fügung

Zusammen mit anderen Christen bin ich der Überzeugung, dass Gott Geschichte und Geschicke lenkt. Im Besonderen bin ich überzeugt, dass Gott über sein Wort wachte, als der biblische Kanon (der Schriftumfang) gebildet wurde, dass er aber auch über die Einzelteile seines Wortes wachte und sie erhalten bleiben ließ und dass es kein Zufall war, dass in der Zeit der Erfindung des Buchdruckes und der großen „Reformations“wende christlicher Geschichte ein bestimmter Text den wichtigen und einflussreichen europäischen Übersetzungen zu Grunde lag. Gute hundert Jahre und mehr vor der Erstellung des Codex Vaticanus oder des Sinaiticus war der traditionelle Text bereits die Bibel der Ostkirche sowie der eher bibelorientierten Gemeinden Norditaliens, Südfrankreichs und der Britischen Inseln.

 

            .  Innere Einheit

Dr. Wilbur N. Pickering[3] hat aufgezeigt, welche Widersprüche im neueren „eklektischen“ Text vorhanden sein können. Sogar Irrtümer treten auf. Gründliche Arbeit am biblischen Text entdeckt immer wieder eine größere innere Einheit im traditionellen überlieferten Text.

    Im Vorwort zu seinem Kommentar zum ersten Korintherbrief bemerkt Godet, er könne nicht immer die kritischen Ergebnisse zweier englischer Textkritiker annehmen. Die Exegese habe ihn zu oft von der Fehlerhaftigkeit einiger alter griechischer NT-Handschriften überzeugt. Gesunde Textkritik dürfe nicht einen guten exegetischen Sinn an fehlerhafte Handschriften opfern.[4] Im Anhang 3 desselben Werkes setzt er sich auf Grund eigener Forschungen für den Wert des byzantinischen (des traditionellen) Textes ein. Zum so gen. Sinaiticus schreibt er in seinem Johanneskommentar (S. 594):

    „... keine andere Handschrift macht sich so vieler Auslassungen und Nachlässigkeiten schuldig wie diese.“

 

            .  Die Zahl der Zeugen

Zu großes Gewicht ist gelegt worden auf den Wert ältester Handschriften. Es ist keineswegs wissenschaftlich erwiesen, dass sie immer die besseren seien. Einige stellen sich sogar als offensichtlich schlecht heraus.[5] Der englische Bischof D. A. Thompson wusste zu berichten [in Bible League Quarterly Nr. 302 (1975), S. 340], dass bereits Irenäus (ca. 130 – ca. 200), dessen Lehrer Polykarp den Apostel Johannes oft erlebt hatte, Anlass bekam, sich Gedanken zu machen über den richtigen Text. Er untersuchte jede ihm zugängliche „gute und alte Abschrift“. Es waren also nicht alle Hss des 2. Jhdts., auch wenn sie alt waren, gut.

    Handschriften dürfen nicht nur „gewogen“ werden; sie müssen auch gezählt werden. Macht man das, so zeigt sich, dass 90 % und mehr den traditionellen überlieferten Text unterstützen. Wie es mit 1Jh 5,7, einer Ausnahme, steht, kann man im Anhang zu jener Stelle nachlesen.

 

.  Leitlinien der Übersetzung

 

        1.  Der Übersetzer hat in erster Linie Gott und seine Welt vor Augen zu halten.

 

            .  Man spricht von zwei Arten religiöser Sprache[6]: primärer und sekundärer. Erstere sei die Sprache der Offenbarung einer Religion, die zweite die Sprache der Erklärung des Geoffenbarten.

    Dieses trifft auch zu für die Offenbarung des wahren Gottes. Die Sprache, in welcher diese dem Menschen gegeben ist, ist die primäre und gehobenere und prägt alles Denken, Fühlen und Handeln derer, die sich auf diese Offenbarung einlassen. Die sekundäre Sprache ist die, mit der man versucht, sich deutlich zu machen und anzuwenden, was Gott sagte.

    Da unsere Heilige Schrift Offenbarungssprache spricht, hat sie auch entsprechend übersetzt zu werden. Verwendet der Übersetzer jedoch bereits sekundäre Sprache für die Wiedergabe der Gottesoffenbarung, wird er zur Verkümmerung des geistlichen Lebens im Volk beitragen.

    Dieses trifft ebenfalls auf die Kultur zu. Wird die Schrift zu stark in die Kultursprache des Empfängers bzw. des Lesers übersetzt, wird eine neue Kultur in die Schrift (mit ihrer Zeit) hineingetragen und diese (die Schrift) so sich selbst entfremdet. Das Verlangen, die Schrift in unsere Sprache zu übertragen, darf nicht dazu verleiten, biblische Personen so sprechen und handeln zu lassen, wie wir es tun würden. Z. B. heißt es in Mt 8,25:

    „Und seine Jünger traten hinzu, weckten ihn mit den Worten: ‚Herr, rette uns! Wir kommen um!’“

    Wenn aber wiedergegeben wird: „Die Jünger stürzten zu ihm und weckten ihn. ‚Herr’, schrien sie“, so mag das vielleicht stimmen; der Text liefert aber nicht die Rechtfertigung für diese Dramatisierung. Immerhin wissen wir nur das, was uns der Grundtext wirklich vermittelt.

    Treue Übersetzung nimmt den Leser in die Welt und Zeit der Schrift und hilft ihm, die Umwelt der Offenbarung Gottes zu sehen. Heute, wo man in solcher Fülle Nachrichten aus so vielen Ländern und Kulturen erhält und wo viele selbst reisen, wissen die meisten, dass Menschen anderer Zeiten oft auch andere Gewohnheiten hatten, als wir sie haben.

 

            .  In der erwähnten Vorrede sagte Bengel: „In Übersetzung menschlicher Schriften kann ein Mensch des anderen Sinn viel leichter erreichen und ausdrücken; und wenn er auch dessen verfehlt, so ist gemeiniglich nicht viel daran gelegen. Aber bei der Übersetzung der Worte Gottes, himmlische und ewige Dinge betreffend, soll man mit einem tiefen Respekt, mit Furcht und Zittern handeln, daß man nichts daran ändern, nichts unterschlagen, nichts verwechseln möge.“

    Es ist eine große Verantwortung, dem, das Gott heiligen Männern zur Niederschrift anvertraute, ein deutsches Kleid zu geben.

 

        2.  Größere Genauigkeit wurde also angestrebt.

 

            .  Vergessen wir nicht: Jede bisherige Übersetzung ist verbesserungsfähig.

 

            .  Je wichtiger das Schreiben, umso genauer hat die Übertragung zu sein. Und je genauer diese Übertragung, je mehr kann sie vom Stil der ersten Sprache gekennzeichnet sein. Das ist zwar eine alte Erkenntnis, hier jedoch des Wiedererwähnens wert.

    Agur legt uns nahe (Spr 30,5.6): „Jeder Ausspruch Gottes ist geläutert. Er ist ein Schild denen, die auf ihn trauen. Zu seinen Worten füge nicht hinzu, dass er dich nicht zur Rechenschaft ziehe und du als Lügner erfunden werdest.“

    Jesus sagte: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort bewahren und halten.“

    Liebe zu Jesus treibt zur Frage: Welches sind die Worte, ja, die Wörter (Lk 4,4), die uns hinterlassen wurden? Aus diesem folgt wie von selbst, dass die Übersetzung so genau wie möglich den Grundtext wiederzugeben hat. Damit das Wort enthüllen kann, muss es enthüllt werden.

    Allerdings wird man zum Zweck eines noch besseren Verständnisses auch bei der genauesten Fassung immer wieder auf den Grundtext zurückgreifen müssen.

 

            .  Zu der Ag 15,17, wo Jakobus aus dem AT zitiert, schreibt Rienecker in seinem „Schlüssel“: „ep' autous nach eph' ous überflüssig, ist Nachahmung des hebr. Satzbaues.“

    Zwei Wörter hätte der Heilige Geist also weglassen können! Ob Rienecker, der der Schrift sonst großes Vertrauen entgegenbrachte, sich über diese Bemerkung je Rechenschaft gegeben hat? Jakobus, der (Ag 15) Amos auf Griechisch wiedergab, war offenbar anderer Meinung. Und keiner von uns sollte es wagen, ihn eines anderen zu belehren.

 

            .  Diese Stelle ist kein Einzelfall. Es ist für einen Übersetzer recht belehrend zu sehen, wie das NT alttestamentliche Texte wiedergibt. Im vorliegenden Fall dürfte es sich um eine Betonung handeln. Manchmal entstehen so gen. Hebraismen, die man sich ohne weiteres leistet in dem Bemühen, Gottes Wort getreu wiederzugeben. Einige Beispiele:

    Mk 8,12: „Wahrlich! Ich sage euch: Wenn diesem Geschlecht ein Zeichen gegeben werden wird…!” – ein unvollständiger Satz, bei dem man sich den Rest selbst denken kann.

    Jh 17,12: „Sohn des Verderbens“

    Eph 2,2.3: „Söhne des Ungehorsams“; „Kinder des Zorns“

    Selbst der Grieche Lukas kann in seiner Sorgfalt, alles genau nachzuerzählen, aus seinen jüdischen Quellen Hebraismen übernehmen, z. B. Lk 2,9E: „Und sie fürchteten sich mit großer Furcht“ (fürchteten sich sehr).

    Eine andere Art wortwörtlicher Übersetzung finden wir in Rm 15, wo ein Satz aus Ps 18 übernommen wird. Etwas strenger übersetzt heißt es in Ps 18,50A:

    „Darum bekenne ich dir unter denen von den Völkern, Jahwe ...“

    In Rm 15,9M sagt Paulus: „Deswegen werde ich dir bekennen unter denen, die von den Völkern sind ...“

    Anstatt „bekennen“ wird von anderen übersetzt: „danken“ oder „preisen“, was wohl auch von David gemeint war, auch von Paulus selbst. Dennoch gebrauchte er das Wort „bekennen“.

 

            .  An anderer Stelle schrieb dieser Apostel: „Steht dann also fest, Brüder, und haltet fest die Überlieferungen, die ihr gelehrt wurdet, sei es durch Wort, sei es durch Brief von uns.“ (2Th 2,15) Festhalten soll man das, was Paulus von Gott bekommen hatte und in Form von Brief weitergab, u. z. so, wie er es gab. Die Offenbarung Gottes darf in der Weitergabe nicht verändert werden. Und wenn der Übersetzer den Wortlaut des Textes nicht ernst nimmt, wie soll der Leser der Übersetzung es tun? Gerade auch durch ungenaue Übersetzung kann man anderen den Zugang zur Erkenntnis des Wortes Gottes verwehren, was aber sein Wehe über einen ruft: Lk 11,52.

 

            .  Dagegen trägt eine getreue Übersetzung dazu bei, dass der Leser weniger vom menschlichen Ausleger abhängig ist, um zu erfahren, wie der ursprüngliche Text denn genau lautete.

    In seinem Vorwort zur ersten Auflage seiner Auslegung des ersten Korintherbriefes schreibt der Essener Pastor P. Cürlis: „Es war mir nur darum zu tun, den des Grundtextes nicht kundigen Lesern ... die Möglichkeit zu vermitteln, sich von dem Grundtexte ein denkbar klares Bild zu machen... Eine solche Übersetzung ist mehr als eine halbe Auslegung ...“

 

            .  Andererseits kommt der Übersetzer, wegen der vielen rätselhaften Stellen in der Bibel, oft in die Versuchung, etwas „Verständliches“ hinzuschreiben, auch wenn es nicht ganz dem Grundtext entspricht. Es darf aber nicht vergessen werden: Wir haben Gott keineswegs vorzuschreiben, wie er sich auszudrücken hat.

    Übersetzung ist nicht gleichzusetzen mit Verständnis. Der Übersetzer darf nicht davon ausgehen, dass dem Leser nichts oder wenig zuzumuten sei. Eine getreue Übersetzung wird mehr vom Leser fordern als eine, die ihm zu schnell entgegenkommt. Gottes Wort muss nicht immer so übersetzt werden, dass der Leser gleich versteht, was gemeint ist. Wichtiger ist, dass der Leser sich Zeit nimmt und über das nachdenkt, was er nicht versteht, und den Herrn bittet, dass er ihm die Augen öffne. Oft versteht auch der Übersetzer nicht wirklich, was gemeint ist. Er hat aber ­– unter Gebet – treu zu übersetzen.

    Der Übersetzer hat also, wenn er sich einer Offenbarungssprache bedient, damit zu rechnen, dass dann nicht alles auf Anhieb verstanden werden wird. Man darf nicht vergessen: Gottes Wort wird auch in der besten Übersetzung lange nicht immer verständlich sein. Wie oft hat man nicht selbst erlebt, dass der einfachste Vers erst nach Jahren klar wurde. Genauigkeit wird es mit sich bringen, dass der Text nicht immer sofort zu begreifen ist.

    Gottes Wort ist Speise; aber es ist nicht die Aufgabe einer Neufassung, diese Speise bereits als Fertiggericht vorzulegen. Das Zurichten der Speise ist Aufgabe des Verkündigers. Ein pflichtbewusster Übersetzer wird vieles dem Ausleger und Verkündiger zur Erklärung überlassen müssen. Die Treue zum Grundtext darf auf keinen Fall geopfert werden auf dem Altar der Einfachheit. Nicht alles muss dem Leser sofort klar sein. Wo alles einfach zu verstehen ist, wird auch bald weniger zu verstehen sein.

    Verständlichkeit darf also Ziel sein, nicht aber Maßstab einer Neufassung.

 

            .  Natürlich sollte eine Übersetzung so elegant wie möglich sein. „Wie möglich“ heißt aber: so elegant wie die Genauigkeit es zulässt. Ist man gezwungen, zwischen Eleganz und Genauigkeit zu wählen, sinkt die Waage zugunsten des Zweiten.

    Bengel mahnte (in der Vorrede): „Eine Übersetzung muß bei uns nicht undeutsch, sie darf aber auch nicht zu gut deutsch sein. Wie der hebräischen Redensart die griechische Übersetzung des AT und jenen beiden die griechische Redensart im NT folgt, also muß ein Übersetzer allen dreien folgen... Ein gewissenhafter Übersetzer macht es nicht eben so, wie er gleichwohl sieht, daß es einem delikaten Deutschen als licht und leicht am besten gefiele ...

    Eine Übersetzung muß bei der Ordnung der Worte bleiben, soviel es die Muttersprache verträgt. Jh 13,15 heißt es nach dem Griechischen: ‚daß, wie ich euch getan habe, auch ihr tut.’ Da geht das Tun des Herrn vor dem Tun der Jünger her.“

    Und Maximilian Zerwick mahnt: „In der Übersetzung des heiligen Textes jedoch haben wir uns davor zu hüten, einen Teil der Fülle der Bedeutung der Klarheit des Verständnisses zu opfern.“[7]

    Im Lichte dieser Urteile ist das Kriterium „kommunikativ“ für eine Übersetzung wohl als etwas relativ zu betrachten.

 

            .  Es ist oft nicht möglich, biblische Aussagen so zu übertragen, wie wir sie sagen würden – manchmal schon deswegen, weil wir sie überhaupt nicht sagen würden.

    Wer, auch in christlichen Kreisen, sagt denn schon, auch mit anderen Worten: „Groß wurde die Gnade unseres Herrn mit Glauben und Liebe, die in Christus Jesus ist“? Und doch ist es das einfache Zeugnis des Paulus in einem Brief an einen Mitarbeiter (1Tm 1,14).

    Wir nehmen die Schrift am besten so an, wie sie ist, und lassen sie uns prägen, anstatt sie prägen zu wollen.

 

            .  Unsere Aufgabe kann es auch nicht sein, uns vorzustellen, was der Schreiber heute gesagt hätte; sondern vielmehr haben wir das wiederzugeben, was er damals sagte.

 

            .  An solche Grundsätze hält man sich bei der Übersetzung von wichtigen Dokumenten und hat man sich in der Vergangenheit bei der Erstellung der einflussreichsten Übersetzungen der Schrift gehalten.

 

        3.  Konkordanz wurde vor Augen gehalten.

 

Für den Zweck eingehenderen Bibelstudiums wurde versucht, die Hauptbegriffe, wo immer sie vorkommen, konstant wiederzugeben. Ausnahmslos ist es jedoch nicht möglich, vollkommen konkordant zu übersetzten, da sich keine zwei Sprachen genau decken.

    Girdlestone meint: „Die Regel, dass jedes Wort des Originals immer gleich wiedergegeben werden soll, darf nicht zu stark durchgezogen werden, aber in argumentierenden und Lehrstellen ist sie sehr wichtig[8].“

    Die Verwendung des Artikels im Deutschen entspricht in vielen Fällen nicht der im Griechischen. Wo er im Griechischen steht bzw. fehlt, kann er umgekehrt im Deutschen fehlen bzw. stehen. Das kann z. B. bei den Gottesbezeichnungen vorkommen. In diesem Punkt wurde nicht konkordant vorgegangen.

 

        4.  Altes Deutsch?

 

Einige ältere aber gute deutsche Wörter und Ausdrucksweisen, die es sich zu erhalten lohnt, haben wir uns nicht geniert zu gebrauchen, wie z. B. die Wörter „Buße“ und „wandeln“.

 

        5.  Zeitformen wollten wir so genau wie möglich wiedergeben.

 

            .  Z. B. hat das Griechische eine Zeitform, in der die Tätigkeit wiederholt vorkommt bzw. sich einfach fortsetzt. Diese ist so schwer zu übersetzen, dass es nicht immer möglich bzw. ratsam ist, es zu unternehmen. Sie kann aber hier und da von solcher Bedeutung sein, dass wir eine Übertragung gewagt haben, auch wenn das Ergebnis nicht das schönste Deutsch ist.

    Ein Beispiel wäre Lk 8,23M. Erstens will da nicht gesagt werden, dass die Personen gefüllt wurden, sondern dass es ihr Boot war mit den Insassen. Zweitens dürfen wir nicht übersetzen: „Das Boot wurde voll“ bzw. „gefüllt“, denn der Text sagt nicht, dass es ganz voll wurde. Es geht um ein sich fortsetzendes Ereignis. Drittens wird in solchen Fällen im Deutschen die Sichform verwendet. Das Ergebnis:

    „Und es ging ein Sturmwind nieder auf den See, und ihr [Schiff] war dabei, sich zu füllen ...“

 

            .  Manchmal wechselt die Erzählung von der Vergangenheitsform unmittelbar in die Gegenwartsform (genannt ‚das lebendige Präsens’) und umgekehrt. Die Gegenwartsform soll die Begebenheit stärker vor Augen führen.

 

            .  Gemäß deutschem Brauch haben wir versucht, die „-end“-Wörter wie „kommend“, „wachsend“ auf ein Minimum zu halten.

 

            .  In der Regel wird im Griechischen zwischen Vergangenheit (Präteritum, im Gr.: Aorist) und vollendeter Gegenwart (Perfekt) unterschieden. Beide bringen bereits Geschehenes zum Ausdruck; doch besagt das griechische Perfekt, dass die Wirkung des Geschehenen bis in die Gegenwart reicht (was der Leser mit Gewinn sich merken darf). Übrigens auch im Deutschen wirkt das Perfekt ins Jetzt; nicht umsonst wird es „vollendete Gegenwartsform“ genannt. Für die Übersetzung ist also die Unterscheidung der beiden Zeitformen von Bedeutung, eine Unterscheidung, die verloren gehen kann, wenn man den griechischen Aorist mit der deutschen vollendeten Gegenwartsform übersetzt.

 

            .  Die eigentliche Zeitform des griechischen Partizips im Präsens richtet sich nach der des Zusammenhanges, was zu beachten ist in der Übersetzung z. B. von Ga 3,5, einer wichtigen Stelle für die Lehre vom Heiligen Geist. (S. die Besprechung der Stelle im Üsgsk. im Anhang.)

 

            .  Das griechische Partizip im Aorist wurde als zeitliche bzw. logische Voraussetzung aufgefasst. Das heißt, dass so übersetzt wurde, dass das Geschehen des Partizips im Aorist in dem des Hauptverbs des Satzes vorausgesetzt wurde. Das Studium der Lehren der Schrift scheint dieses zu bestätigen. Mir ist bewusst, dass sich die Philologen in dieser Frage nicht ganz einig sind. In meiner Forschung weiß ich aber bis jetzt von keiner Ausnahme zu dieser Regel. Der kurze Text Php 2,7.8 liefert bereits einige Beispiele der betreffenden Form:

    „... sondern sich selbst entäußerte; er nahm nämlich die Gestalt eines leibeigenen Knechtes an, wurde nämlich den Menschen gleich; und in der äußeren Erscheinung als Mensch erfunden erniedrigte er sich selbst; er wurde nämlich gehorsam bis zum Tode, zum Tode an einem Kreuz.“

 

            .  Übrigens erinnert John Wenham (in „Das Osterenigma“) daran, dass im NT der Aorist im Indikativ oft als vollendete Vergangenheit (z. B.: Er hatte gelehrt, statt: Er lehrte.) wiedergegeben werden muss.

 

        6.  Sätze und Satzzeichen

 

Den Zusammenhang auch längerer Sätze wollten wir wahren. Semikolons geben an, dass der Satz noch nicht zu Ende ist. Andererseits ist die leidliche Tendenz, eine Reihe kürzerer aber vollständiger Sätze nur mittels eines Kommas zu trennen, hier nach Möglichkeit vermieden worden.

    Wenn unklar ist, ob bzw. wo Anführungsstriche gesetzt werden sollten, kann es sein, dass sie weggelassen wurden. Zitate innerhalb eines Zitates sind mit einfachen Anführungsstrichen versehen. Zitate wiederum innerhalb dieser haben keine weiteren Anführungsstriche erhalten.

 

        7.  Verben statt Nomina?

 

Man sagt, in gutem Deutsch seien Tätigkeitswörter (Verben) als Gedankenträger Nennwörtern (Hauptwörtern/Nomen) vorzuziehen. Das mag durchaus stimmen, und im Verdeutschen der Schrift kann man dem hier und da Rechnung tragen. Doch ist auch Vorsicht geboten. Zum einen leben wir zur Zeit in einer erlebnisorientierten Gesellschaft. Eine solche begrüßt die Betonung auf Bewegung und Kraft. Zum anderen darf man nicht vergessen: Substantive sind die Pfeiler des Denkens, die Gegenstände im Raum, wovon man in der Bewegung ausgeht und zu denen man hingeht. In der Schrift ist zuerst das Subjekt da, dann das Prädikat, zuerst Gott, dann sein Sprechen und Handeln.

    Beachtet man diese grundsätzliche Lage, kann man bei der Übersetzung jeweils überlegen, was Vorrang hat.

 

        8.  Wenn mehrere Formulierungen gleich treffend sind

 

Ist man gezwungen, zwischen mehreren Übersetzungsmöglichkeiten zu wählen, so darf nicht eine Formulierung gewählt werden, bei der ein Widerspruch zu einer anderen Stelle entstünde.

    Bleiben dennoch zwei Möglichkeiten, so wählt man lieber die mit weniger Silben. Das hat mehr als einen Vorteil.

 

        9.  Zweideutige Wendungen

 

Wo das Rätsel zweideutiger Wendungen vom Zusammenhang her nicht zu lösen war, kann es sein, dass die deutsche Fassung ebenfalls mehrdeutig geblieben ist. Man sagt uns, dieses Vorgehen sei auch bei der Übersetzung nichtbiblischer Literatur ratsam.

    Johann Bengel schrieb (einleitend zu seinem NT): „... und was nun in dem Original so zweideutig ist, das soll ein getreuer Übersetzer mit Fleiß auch zweideutig verdeutschen und den Lesern nicht vorgreifen, sondern die Wahl freilassen ...“

    In seiner Kritik der New International Version schrieb Dr. Robert Martin: „Es ist nicht die Aufgabe eines Übersetzers, Fragen zu klären, die Ausleger getrennt haben; und wenn er es zu tun versucht, unternimmt er zu viel.“[9] 

 

        10.  Zu einigen Einzelbegriffen

 

            .  Zur Wiedergabe des gr. christos als „Gesalbter“ in den Evangelien und in der Apostelgeschichte gab Jh 1,41M Anlass: „Und er sagt zu ihm: ‚Wir haben den Messias (ton messian) gefunden!’“ „Messias“ ist die deutsche Form des hebr. maschiach. Zu diesem Wort des Andreas an seinen Bruder Simon fügt der apostolische Schreiber Johannes hinzu: „Das heißt, übersetzt: ‚der Gesalbte’ (ho christos).“ Wenn also der Apostel es nicht bei der gr. Form des hebr. Wortes bewenden lässt, sondern es in die Sprache seiner Leser übersetzt, und wir wiederum seinen Bericht ins Deutsche übersetzen, so finden wir es angebracht, uns nicht mit einer deutschen Form seiner Übersetzung („Christus“) zu begnügen, sondern es ebenfalls in unserer Sprache wiederzugeben: „Gesalbter“. So hören wir besser, was die Zeitgenossen Jesu hörten, wenn man von dem Verheißenen sprach.

    Was nicht heißt, dass wir nicht „Christus“ sagen sollten. Inzwischen ist diese lateinische Form des gr. Titels unseres Herrn auch in unserer Sprache heimisch geworden. Entsprechenderweise gebrauchen wir sie auch in dieser Fassung des NTs, jedoch zur Hauptsache in den Briefen.

 

            .  Es ist zu unterscheiden zwischen dem Gebrauch eines Wortes und seiner eigentlichen Bedeutung. So ist die griechische Vokabel de nicht gleich „aber“ (es kann sogar irreführend sein, sie so zu übersetzen), darf jedoch im Sinne eines Gegensatzes gebraucht werden. In der Übertragung bleibt sie oft unübersetzt, wenn sie nur eine Wendung in der Erzählung andeutet. (Auch das gr. hoti wird von Übersetzern ins Deutsche weggelassen, wenn es ein Zitat angibt.) Das ist auch hier der Fall. Wer sich an eine alte Übersetzung gewöhnt hat, wird vielleicht das übliche anfängliche „Aber“ vermissen. Man darf aber nicht vergessen: Zur Zeit der Abfassung des NTs kannte man nicht Satzzeichen. Dafür konnten Vokabeln verwendet werden. Lassen wir diese weg, wo sie nicht nötig sind und durch unsere Satzzeichen Ausdruck finden, so wird der Text eigentlich fließender. Der Leser sei jedoch vergewissert: Wo solche Vokabeln für die Aussage des Textes irgendwie für nötig gehalten wurden, wurden sie berücksichtigt und übersetzt.

 

            .  Für „Engel“ hat das Griechische keine Vokabel. Um diesen Begriff zum Ausdruck zu bringen, verwendet es das Wort für Bote: anggelos (hier geschrieben wie ausgesprochen). Dass das deutsche Wort Engel ein Fremdwort ist, das auf „anggelos“ zurückgeht, ändert diesen Tatbestand nicht.

 

            .  Das griechische ethnos wurde in der Regel weder mit „Heide“ noch mit „Nation“ wiedergegeben. Beide Wörter sind ungenügend. Das erste hat Konnotationen angenommen, die über das Neutestamentliche hinausgehen. Das zweite ist ein unnötiges Fremdwort, wofür wir bereits eine deutsche Vokabel haben: Volk. Zudem: Wenn Paulus z. B. in den Briefen nichtjüdische Christen anspricht und sie ethnee nennt, denkt er nicht an ganze Völker bzw. Nationen, sondern an Einzelpersonen aus diesen.

 

            .  Übersetzer werden gelehrt, bei Namen sich möglichst an die Schreibweise zu halten, die sie im zu übersetzenden Text vorfinden. Bekannte Namen können eine Ausnahme bilden. Manchmal kann man einen Namen im griechischen NT auf zweierlei Weise getreu wiedergeben. In dem Fall ist zu fragen: ‚Aus welcher Sprache kam denn dieser Name?’ So ist ‚Kajaphas’, da er ein hebräischer Name ist, nicht als ‚Kaiaphas’ wiedergegeben und ‚Achaia’, weil ein griechischer Name, nicht als ‚Achaja’. ‚Makedonien’ ist nicht nur so geschrieben, weil es dem Griechischen angepasst ist, sondern weil es in der deutschen Literatur so vorkommt.

 

 

.  Hinweise für die Lektüre

 

Einige zusätzliche Hinweise, die bei der Lektüre eine Hilfe sein könnten:

 

    1.  Zeichen, Zahlen, Druck

 

Es könnte sein, dass die hier üblichen Satzzeichen nicht immer den Regelvorstellungen des Lesers entsprechen. Sie sind aber bewusst dem Sinne des Textes angepasst.

    Wenn man im Deutschen gewohnt ist, nach einem Aufforderungssatz ein Ausrufezeichen zu setzen, so sagt man uns, werde das nicht generell bei der Übersetzung der Heiligen Schrift gemacht. Nach dem Duden ist das auch im Deutschen nicht durchgehend üblich.

    Unvollständige Sätze sind auf ein Minimum gehalten worden.

    Runde Klammern und Gedankenstriche dienen, ähnlich wie Kommas und Semikolons, zur Gliederung des Textes und zur Erleichterung des Verständnisses. Ihre Inhalte gehören genauso zum biblischen Text wie die außerhalb von ihnen.

    Wir unterschieden drei Arten von Gedankenstrichen:

    Paarweise Gedankenstriche sind ähnlich verwendet wie Klammern; was zwischen den beiden Gedankenstrichen steht, ist als eine Art Einschub des biblischen Verfassers zu verstehen.

    Einzelne Gedankenstriche kennzeichnen eine Gedanken- bzw. Lesepause.

    Gedankenstriche am Anfang eines Satzes (meistens vor dem klein geschriebenen Wort „denn“) zeigen an, dass der begonnene Satz kein vollständiger ist. In einzelnen Fällen stehen Gedankenstriche am Ende eines Satzes. Sie zeigen ebenfalls an, dass der Satz nicht vollständig ist.

    Zwischen spitzen Klammern stehen Gedanken, die in den Wörtern des griechischen Textes selbst enthalten sind. Sie sind als zum biblischen Text gehörig zu betrachten.

    Zwischen eckigen Klammern stehen Gedanken, die sich vom Zusammenhang her ergeben und die für notwendig empfunden wurden, um den Text leserlich zu gestalten. Diese gehören also auch zur Übersetzung und sind nicht als Ergänzung zu denken. Solche Elemente sind Normalteil einer Sprachübersetzung, auch wenn sie nicht immer erkennbar sind, wie hier.

    Hochgestellte Zahlen hinter Wörtern verweisen auf die zugeordneten Fußnoten. In diesen stehen zusätzliche Auskünfte zur Übersetzung.

    Ein Sternchen im Text weist hin auf die Begriffserklärungen im Anhang, ein Ringelchen auf den dortigen Übersetzungskommentar. 

    Zwei Arten von Druck werden verwendet, um eine Betonung anzudeuten. In Sperrdruck steht eine schwache Betonung:

    Jh 17,22: „Und ich, ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, so wie wir eins sind ...“

    In Kursiv steht die stärkere Betonung:

    Rm 12,19M: „‘Die Vergeltung ist meine [Sache]; ich werde vergelten’, sagt der Herr.“

    Mit diesen Mitteln soll nicht am Text „herumgebastelt“, sondern dem Leser einigermaßen Rechenschaft gegeben werden. Der gesamte deutsche Text ist nämlich Übersetzung. Gerade aber weil die Schrift reines Gotteswort ist, wird versucht, einen Unterschied in der Qualität der einzelnen Elemente zu zeigen, die verwendet wurden, um das Wort dem Leser nahe zu bringen – denn keine zwei Sprachen decken sich genau, Wort für Wort.

 

    Die Zeichen kurz dargestellt:

[…]                       Gedanken, die sich vom Zusammenhang her ergeben und die für notwendig empfunden wurden, um den Text leserlich zu gestalten; nicht als Ergänzung gedacht 

‹…›                       Gedanken, die in den Wörtern des griechischen Textes selbst enthalten sind

*                           Worterklärung im Anhang

°                           Übersetzungskommentar im Anhang

Sperrdruck:   schwache Betonung

Kursiv:                stärkere Betonung

 

    2.  Abkürzungen

 

        .  Die Abkürzungen der biblischen Bücher

1M, 2M, 3M, 4M, 5M, Jos, Ri, Ru, 1S, 2S, 1Kg, 2Kg, 1Ch, 2Ch, Esr, Ne, Est, Hi, Ps, Spr, Prd, Hoh, Jes, Jer, Klg, Hes, Da, Hos, Joe, Am, Ob, Jon, Mi, Nah, Hab, Zep, Hg, Sac, Mal, Mt, Mk, Lk, Jh, Ag, Rm, 1Kr, 2Kr, Ga, Eph, Php, Kol, 1Th, 2Th, 1Tm, 2Tm, Tt, Phm, Heb, Jk, 1P, 2P, 1Jh, 2Jh, 3Jh, Jud, Off

 

        .  Andere Abkürzungen

a.:  auch

A (bei Versangaben):  Anfang

a. a. O.:  an anderem Orte

ä.:  ähnlich

Akt.:  Aktiv

Anh.:  Anhang

Anm.:  Anmerkung

Aor.: Aorist

aram.:  aramäisch

AT:  Altes Testament

atl.:  alttestamentlich

Bd.:  Band

Bed.:  Bedeutung

bed.:  bedeutet

bzw.:  beziehungsweise

ca.:  circa

d. h.:  das heißt

d. i.:  das ist

d. s.:  das sind

dt.:  deutsch

E (bei Versangaben):  Ende

ehem.:  ehemalig

eigtl.:  eigentlich (steht oft dort, wo andere Übersetzer w. [wörtlich] schreiben könnten; wir gebrauchen es in folgendem Sinne: etwas strenger, aber vielleicht etwas weniger leserlich, übersetzt)

Erg.:  Ergänzung

etw.:  etwas

evt.:  eventuell

Fn.:  Fußnote

Fssg.:  Fassung

Fssgn.:  Fassungen

Fut.:  Futur, Zukunft

Gen.:  Genitiv (Wesfall)

Gr.:  das Griechische

gr.:  griechisch

Gt.:  Grundtext

Hebr.:  das Hebräische

hebr.:  hebräisch

Hs:  Handschrift

Hss:  Handschriften

Impf.:  Imperfekt, Vergangenheit

Impv.:  Imperativ

impv.:  imperativisch

i. S. e.:  im Sinne eines

i. S. v.:  im Sinne von

i. V. m.:  in Verbindung mit

Jh.: Jahrhundert

jem.:  jemand(en/m)

jüd.:  jüdisch

K.:  Kapitel

Konj.:  Konjunktiv

lat.:  lateinisch

M (bei Versangaben):  Mitte

m.:  mit

m. E.:  meines Erachtens

Mas. T.: Masoretischer Text

Med.:  Medium

möglicherw.:  möglicherweise

Ms:  Manuskript

Mss:  Manuskripte

n.: nach

n. Ch.:  nach Christus

n. gr. Üsg.: nach der griechischen Übersetzung

näml.:  nämlich

NT:  Neues Testament

NTidF:  Neues Testament in deutscher Fassung

o.:  oder

Pf.:  Perfekt, vollendete Gegenwart

Pl.:  Paulus

Präs.:  Präsens

Ptzp.:  Partizip

röm.:  römisch

S.:  Seite

s.:  siehe

so a. i. Folg.:  so auch im Folgenden

so gen.:  so genannt

sprachl.:  sprachlich

t. r.textus receptus (der traditionelle überlieferte Text)

u.:  und

u. a.:  und andere

übertr.:  übertragen

Üsg.:  Übersetzung

Üsgsk.:  Übersetzungskommentar

u. z.:  und zwar

V.:  Vers

v. Ch.:  vor Christus

Verf.:  Verfasser

vgl.:  man vergleiche

viell.:  vielleicht

vmtl.:  vermutlich

w.:  wörtlich

wahrsch.:  wahrscheinlich

z. B.:  zum Beispiel

z. T.:  zum Teil

zeitl.:  zeitlich

zit.:  zitiert, zitieren

zuk.:  zukünftig

 

 



[1] D. W. Gooding in Current Problems and Methods in the Textual Criticism of the Old Testament, Inaugural Lecture; The Queen’s University of Belfast, 1978, S. 12

[2] nach einem Netzartikel im Theopedia

[3] in einem Pamphlet: What difference does it make? (Welchen Unterschied macht es?)

[4] Frederic Godet: Commentary on First Corinthians; Kregel Publications; Preface

[5] Zum Beispiel weist Pickering darauf hin, dass der Codex Vaticanus und der Codex Sinaiticus allein in den Evangelien über 3’000 Mal differieren (kleinere Fehler wie Rechtschreibung und Varianten bestimmter Synonyme nicht mitgezählt). Folglich können diese Handschriften nicht beide gut sein. S. Wilbur Pickering in An Examination of the Alexandrian Texts, Foundation for Biblical Studies, Wiggins, Mississippi.

[6] Jan de Waard und Eugene A. Nida in From One Language to Another; Thomas Nelson Publishers, Nashville, 1986; zitiert von Robert Martin in Accuracy of Translation, The Banner of Truth Trust, Edinburgh, S. 8

[7] in Biblical Greek, Iura Editionis et Versionis Reservantur 1963, S. 13: „In interpreting the sacred text, however, we must beware, lest we sacrifice to clarity of meaning part of the fulness of the meaning.“

[8] Robert B. Girdlestone in Synonyms of the OT; Wm. B. Eerdmans Publishing Company, Grand Rapids, 1978, S. 5: „The rule, that each word of the original shall always have the same rendering, is not to be pressed too far, but in argumentative and doctrinal passages it is very important.“

[9] Robert Martin in Accuracy of Translation, Banner of Truth Trust, 1989, S. 62: „A tranlator is not called upon to settle questions that have divided interpreters; and if he tries to do so, he takes too much on himself.“