Dr. David Jaffin

 

Die Heiligkeit Gottes in Jesus Christus

 

Das Opfer im AT • Gottesbild - Zweites
Gebot • Die Aktualität der prophetischen
Botschaft

 


Vorwort 4

Das Opfer im Alten Testament und seine Vollendung in Jesus Christus. 5

Einleitung. 5

Die sechs „W-Fragen. 5

Opfer als Gebet 9

Opfer und Kreuz: Die Vordeutungen im Alten Testament 10

Zusammenfassung. 15

Das Gottesbild - das zweite Gebot nach Mose. 17

Einleitung: Was bedeutet das zweite Gebot nach Mose?. 17

Die Verharmlosung Jesu Christi 21

Die biblische Bestätigung des zweiten Gebots. 23

Wer ist Jesus Christus?. 26

1. Er ist Herr der Schöpfung. 27

2. Der Herr ist der Herr der Gerechtigkeit 28

3. Jesus Christus ist der Gott der Geschichte. 30

4. Jesus Christus ist auch der Gott der Liebe. 32

Calvin und das zweite Gebot 34

Du sollst dir kein Bildnis noch Gleichnis von deinem Nächsten machen. 35

Schlussfolgerung. 36

Die Aktualität der prophetischen Botschaft 37

Das Wesen eines Propheten. 37

Die Propheten, unsere Zeitgenossen. 38

Wie ist unsere Lage heute?. 42

Kaiserkult 42

Der Tanz um das Goldene Kalb. 44

Baal 45

Was sollen wir tun?. 47

Hesekiel und Jesus. 49


Vorwort

 

Die Villa Seckendorf in Stuttgart-Bad Cannstatt war vor 1933 oft ein besonderer Ort, einmalig im damaligen Deutschland: Judenchristen legten als Gäste die Bibel aus. Meine Mutter, die ich in meinem zwölften Lebensjahr verloren habe, nahm mich als kleinen Buben von Zuffenhausen aus mit; ich war wohl acht oder neun Jahre alt. Sie lockte mich: „Weißt du, wenn Juden, die Jesus lieb haben, das Alte Testament auslegen, können sie es besser als unsere Pfarrer in der Kirche." - Sie hatte Recht. Bis heute, nach sechzig Jahren, leben in mir tiefe Eindrücke: Einen alten Mann mit langem, grauem Bart sehen meine Augen, in allem ein Jude. Er leuchtete, wenn er von Jesus redete, dem Juden, der Gottes Sohn ist und Israels König, der uns am Kreuz von Golgatha erlöst hat von unserer Schuld.

Und heute empfinde ich, siebzig Jahre alt, noch einmal ähnliches, wenn ich die drei Aufsätze von Pfarrer Dr. Jaffin lese: Jesus kommt darin zum Leuchten, wie damals angestrahlt von den Scheinwerfern des Alten Bundes, in seiner Strenge und Güte, so streng, dass mein Gewissen erschrickt, so gütig, dass ich zu meinem Retter ans Kreuz eile. Die seltsame Spannung, dass wir zugleich weinen und lachen, jubeln und trauern, Halleluja singen und Kyrieleis, uns zugleich schämen und freuen - dieser dem natürlichen Menschen unbegreifliche Widerspruch wird wohl erst dann aufhören, wenn wir IHM selbst begegnen werden in einem neuen Leib und mit neuer Seele, in die die tiefen Narben unserer Sünden nicht mehr eingegraben sein werden; dann endlich von Angesicht zu Angesicht. Nicht nur der Glanz der Freiheit wird uns entgegenleuchten, sondern auch das Wesen ewiger Schönheit.

Bis dahin bleibt die göttliche Warnung an Mose in Kraft: Kein Mensch bleibt am Leben, der mich (direkt) sieht (2. Mose 33, 20). So tief ist Altes und Neues Testament eine Einheit. Für diese Botschaft vom strengen Erbarmen unseres Heilands danken wir dem Verfasser. Wird sie in Deutschland noch einmal gehört werden, aus dem Mund eines Jüngers des Herrn, der Jude ist und bleibt? Die Zeit ist kurz.

25. Juli 1984 Walter Tlach, Dekan i. R. Herrenberg-Gültstein


Das Opfer im Alten Testament und seine Vollendung in Jesus Christus

 

Einleitung

Was soll das bedeuten: Opfer? Man denkt zuerst an Tieropfer. Das ist auch richtig. Es ist ein sehr merkwürdiger Vorgang, wenn ein Tier geopfert wird. Die Juden wissen genauso wenig über Tieropfer wie die Christen. Die Juden haben etwa 30 Jahre nach Jesu Tod aufgehört, Tiere zu opfern. „Opfer" ist das wichtigste Thema in der ganzen Bibel, das zentralste. Es gibt viele wichtige Themen in unserer Bibel, aber dies ist das allerwichtigste. Warum eigentlich?

Hier soll nicht alles bis zum letzten Buchstaben über Opferdarbringung gesagt werden, nur die wichtigsten Dinge, die in der Bibel über das Opfer stehen. Ganz zentral ist dieses Thema in der Thora, in den fünf Büchern Mose, besonders im Leviticus, ja, im ganzen Neuen Testament dargestellt.

 

Die sechs „W-Fragen

Als erstes wollen wir das Wer, Wann, Was, Wo, Wie, Warum betrachten, dass wir wenigstens ein bisschen lernen, was Opfer überhaupt ist.

Wer opfert? Im Alten Testament kann ein einzelner Mensch opfern. Es kann eine Familie opfern, auch eine Sippe oder das ganze Volk. Der Opferbegriff schließt dies alles mit ein. Immer hat es solche Opfer gegeben: Das ganze Volk stand vor Gott und opferte, alle einschließend, oder das Opfer betraf die privateste persönliche Sphäre des einzelnen.

Wann wird geopfert? Man opferte - ebenfalls alles einschließend -, wenn alles gut ging: wenn ein Kind geboren worden war; wenn man heiratete; wenn man einen Krieg gewonnen hatte.

Für alles, wofür man überhaupt danken kann, wurde geopfert – vielmehr konnte geopfert werden. Das Opfer betrifft also alles, was mit Dank zu tun hat.

Aber das Opfer umfasst gleichzeitig auch alles, was mit Not zu tun hat: Eine Hungersnot kommt über das Land. Es gibt zu wenig Regen, eine Pest bricht aus, Kriegsgefahr besteht. Gefahren bedrohen auch einzelne Familien: der Vater wird krank oder die Mutter; es fehlen Kinder; es ist kein Sohn, kein Nachfolger da; Gefahr kann es auch geben für die Sippe und für das ganze Volk.

Das bedeutet: Alles, was zu Lob, Preis und Dank stimmt, kann und soll - jedenfalls bei frommen Menschen - zu einem Opfer führen. Und alles, was Not, Angst und Unsicherheit erzeugt, hat auch mit einem Opfer zu tun.

Dreimal täglich wurde im Tempel ein Opfer dargebracht. Es umfasste die ganze Gefühlswelt, von Dank bis Not, während des ganzen Tages. Das Thema des Opfers ist also allumfassend und betrifft alle Lebensbereiche.

Was wird geopfert? Ein reicher Mensch kann ein großes Tier, einen Stier opfern, es werden natürlich nur reine Tiere geopfert, nur Tiere, die wiederkäuen und gespaltene Hufe haben; ein armer Mensch, der sich das nicht leisten kann, opfert eine Mehlspeise oder eine Taube. Das war natürlich viel billiger als ein Stier. Das Opfer ist eine sehr demokratische Angelegenheit. Dieses Opfer ist genauso gut bei Gott angesehen wie ein großer, teurer Stier oder ein Lamm. Gott sieht uns und weiß, was wir leisten können. Es geht nicht darum, eine Schau zu machen, sondern es geht um die Hinwendung zu Gott.

Bei einem Tieropfer gehört das Erste Gott. Die Pulsader wird aufgeschnitten (eine sehr „schonende" Art, ein Tier zu töten, denn es wird schnell bewusstlos). Das ganze Blut fließt auf den Altar. Warum? Das Leben ist im Blut, und das Leben gehört Gott. Diese Aussage ist auch neutestamentlich.

Als es auf der Konferenz der Apostel in Jerusalem einen Streit gab zwischen Paulus und den pharisäischen Judenchristen über die Frage, ob die Heiden beschnitten werden müssten und ob sie das ganze jüdische Gesetz halten müssten, da kam man durch Jakobus zu einem Kompromiss, der für die damalige Zeit sehr sinnvoll war: Das Blut darf auch von einem Heidenchristen nicht gegessen werden. Das Tier darf nicht erwürgt werden, sondern muss so geschlachtet werden, wie es die biblische Bestimmung sagt.

Aber wie soll das heute sein, denn diese Bestimmung wurde seit fast 2 000 Jahren von vielen lebendigen Christen ignoriert? Dazu ein Beispiel: Mein Vater hat mir vor einiger Zeit geschrieben - mein Vater ist Jude -, dass es eine lutherische Gemeinde in New York gibt - das sind nicht Juden-Christen, sondern Heiden-Christen -, in der gesagt wird, dass man nach dem Neuen Testament kein Blut essen soll, und sie tun es auch nicht mehr. Sie gehen zu einem koscheren Metzger, der im Stil der Juden die Tiere schlachtet. Dies spielt eine sehr wichtige Rolle.

Mein Vater schreibt mir also und fragt: „David, ist das richtig oder falsch, was in dieser christlichen Gemeinde geschieht?" Meine Antwort war: „Es ist falsch." Und zwar ist es gesamtbiblisch gesehen falsch.

Die Antwort ist folgende: Jesus Christus hat beim Heiligen Abendmahl gesagt: „Nehmet, trinket, das ist mein Blut..." Sein Opfer steht anstelle der Tieropfer - wie es uns der Hebräerbrief sagt.

Im Blick auf die früheren Opfer bleibt festzuhalten: Im Alten Testament durfte kein Blut gegessen werden. Beim Opfer wurde das Blut Gott gegeben. Die Juden halten das bis heute ein. Natürlich opfern die Juden heute nicht mehr, aber sie haben die koschere jüdische Schlachtung beibehalten.

Es gibt noch einen anderen Teil vom Tier, den der Mensch nicht essen darf: das Fett! Zwei Priester starben, weil sie Fett gegessen hatten. Das waren Hofni und Pinehas, die zwei Söhne von EIi. Warum? Wer gegen Ende des Krieges und gleich nach dem Krieg hier in Deutschland lebte, der weiß das. Was hat man mehr begehrt, fette oder magere Speise? Fette natürlich, weil sie sättigt. Und in Israel in der alten Zeit hat man nicht viel Fleisch gegessen; das begehrteste Stück vom Fleisch war nicht das Filet wie in unserer Wohlstandsgesellschaft, sondern das fette Teil. Das Beste gehört Gott und nicht dem Menschen. Darum wird das fette Teil Gott gegeben. So ist es bei uns auch am Erntedankfest. Wir bringen nicht die kleinsten Äpfel oder Kartoffeln. Nein, das Beste gehört Gott.

Noch etwas ist in diesem Zusammenhang festzustellen: Der Inbegriff des Opfers im Alten Testament ist der Räucheraltar. Hier bringt der Priester das Opfer dar - und niemand sonst. Er muss aus einer Priesterfamilie stammen. Für einen evangelischen Christen ist das etwas fremd, für einen katholischen Christen keineswegs. Für einen Ostchristen ist das sogar selbstverständlich.

Der Rauch dieses Räucheraltars ist sichtbar. Er steigt langsam auf, und je höher er steigt, umso weniger sichtbar ist er. Das ist zeichenhaft für unsere Hinwendung zu Gott, von dem sichtbar Irdischen zu dem unsichtbaren Herrn - in die Transzendenz. Am Räucheraltar ist der Priester das Verbindende zwischen dem sichtbaren Irdischen und dem Unsichtbaren, der Transzendenz, dem Gott Israels.

Wo opferte man? Zunächst hat man auf den Höhen geopfert. Auf diesen Anhöhen waren teilweise vorher viele Heiligtümer von Götzen aufgestellt, besonders von Baal. Wir erfahren das vom Propheten Amos und durch eine ganze Reihe von Propheten, die das Gericht über diese Höhen und Opferstätten ausriefen, gerade weil sie die Stelle waren, wo man nicht nur Gott, sondern auch dem Baal opferte. Die Gerichtsrede des Propheten Amos über Bethel - das eine solche Höhe war - war sehr hart. Schwere Strafen wurden angekündigt! Die Kinder der Priester würden sterben, die Frau des Priesters würde eine Dirne werden, die Opferstätte zu Bethel sollte besudelt werden - eine ganz fürchterliche Aussage, und zwar wegen dieses „Hurendienstes", wie Hosea es ausdrückt, dass man auf der einen Seite den Gott Israels anbetet und ihm opfert und daneben gleichzeitig anderen Götzen dient. Das läuft durch die ganze Prophetie. Die Reden der Propheten kämpften gegen die falschen Opfer. Darum wird im 5. Buch Mose in typisch biblischer Sprache gesagt: „Es soll in Zukunft nur noch eine einzige Opferstelle geben." Im Nordreich gab es alle möglichen Opferstellen. Aber im Südreich sollte die zentrale Opferstätte sein. Es steht nirgends, dass in Jerusalem diese Opferstelle sein solle.

Als das Gesetzbuch dann im 7. Jahrhundert vor der Zeitrechnung wieder entdeckt wurde und der große gläubige König Josia die Worte dieses Buches hörte, sagte er: „Das soll das Gesetz werden für das Volk Israel!" Und er bestimmte, dass Jerusalem dann als einzige Opferstätte für das ganze Land Israel dienen solle.

Diese Stadt zieht alle an. Seit der Zeit Josias wurde bei allen großen Festen nur in Jerusalem geopfert. Hierher kamen von weither aus der ganzen Welt alle möglichen Leute. Aus der Geschichte über das Pfingsten in der Apostelgeschichte wissen wir, dass schon damals von überall her eine Menge Juden im Tempel waren, das jüdische Pfingstfest zu feiern. Christen aus allen Völkern pilgern heute zu diesem Ort der Kreuzigung Jesu. Aber es gibt seit der Zerstörung des Tempels keine Opferstätte mehr.

Wie opferte man? Das ist sehr schwer zu erklären. Mein Vater war ein guter Jurist. Er hat mir gesagt: „David, die juristische Sprache ist viel zu kompliziert, so dass niemand das verstehen kann. Man muss das einfacher machen." Dasselbe hat auch Martin Luther über die Juristen gesagt. Ich denke, dass auch wir Theologen es lernen sollten, Dinge auf das Wesentliche zu bringen, so dass es verständlich ist.

Es gibt zwei Grundarten von Opfern: ein Brandopfer (ein „Holocaust") und ein Gemeinschaftsopfer.

Bei einem Brandopfer wird das Ganze Gott gegeben. Die Menschen müssen das Opfer zu dem Priester hinbringen, aber alles wird Gott gegeben; alles wird vollständig verbrannt.

Beim Gemeinschaftsopfer geht das Blut an Gott und auch das fette Teil, der Fettschwanz zum Beispiel. Dann bekommt der Priester seinen Teil. Die Verbindung Gott - Blut ist die Anerkennung: Er herrscht über das Leben. Die Verbindung Gott - Fett ist die Anerkennung, dass Gott das Beste gehört, stellvertretend für alles. Dann erhält der Priester seinen Teil als der Verbindende zwischen dem Opfernden und Gott; und dann, am Schluss, kommen die opfernden Leute selbst dran. Auch sie bekommen ihren Teil.

Der Priester spielt die Rolle des Vermittlers, nebenbei gesagt die Rolle, die von der katholischen Kirche übernommen wurde. Die katholischen Priestervorstellungen sind, so glauben sie, vom Alten Testament her abgeleitet. Man kann das auch mit einem Satz sagen, wie viele Theologen es schon ausgedrückt haben: Wir  (die Evangelischen) sind die prophetische Tradition aus dem Alten Testament, und die Katholiken stellen die Priester-Tradition aus dem Alten Testament dar.

Warum opferte man? Das wird öfter falsch verstanden. Es gibt zwei wesentliche Gründe, warum man opferte: Einmal soll gezeigt werden, dass Gott, der Gott Israels, der Herrscher ist über die ganze Schöpfung. Das zeigt sich vor allem in den Brandopfern. Alles gehört ihm. Die Sache mit dem Fett der Opfertiere, dass der Herr das Fette, das Beste, stellvertretend für das Gesamte bekommt, bekundet auch die Anerkennung, dass Gottes Herrschaft sich über alles erstreckt, was sich regt und was lebt, am meisten über die Menschen.

Menschenopfer sind in Israel verworfen. Abraham wurde befohlen, Isaak zu opfern. Er bleibt Gott gegenüber gehorsam, aber statt seines Sohnes schickt Gott ein Tier, einen Widder. Der Widder stirbt anstelle von Isaak. Aber unmissverständlich steht im Alten Testament, im Buch Exodus, geschrieben: Der älteste Sohn, der gehört mir! Auch meine Eltern mussten nach meiner Geburt eine Zeichenhandlung vornehmen, um mich, den einzigen Sohn in meiner Familie, los zubekommen von dieser Forderung. In solch einem Fall gehen die Eltern zu einem Rabbiner und bezahlen eine kleine Summe als Zeichen dafür, dass man den Sohn zurückkauft, weil er sonst eigentlich Gott gehört. Es wird ein so genanntes Lösegeld bezahlt.

Der älteste Sohn ist stellvertretend für alle Kinder in Israel der Religionsträger. Der Glaube geht über die Söhne; der älteste Sohn ist auch die zentrale Gestalt in einer jüdischen Familie. So muss der Autor dieses Buches zugeben, dass er sehr verwöhnt worden ist. Die Eltern wollten gern einen Sohn haben, da haben sie erst zwei Töchter bekommen! Und als sie dann einen Sohn hatten, gerieten sie so in Ekstase, dass die Leute bei der Beschneidung in Ohnmacht gefallen sind. Aber das war nicht gut für den Sohn. Das ist ja immer die Gefahr für den ältesten Sohn in einer jüdischen Familie.

Außer der Herrschaft Gottes über die gesamte Schöpfung im Brandopfer sehen wir eine zweite zentrale Aussage über das Opfer: Im Gemeinschaftsopfer will man Gemeinschaft mit dem Herrn haben nach dem Bekenntnis: „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen." Man will die Gemeinschaft annehmen, die er uns anbietet. Eine tiefe Aussage! Nicht der Mensch will Gemeinschaft mit Gott, er will jedoch die Gemeinschaft annehmen, die der Gott Israels ihm als Israelit gegeben hat.

Es gibt heute viele moderne Christenkreise. Man tut alles mögliche, ohne in die Bibel hineinzuschauen, und dann nennt man das einen christlichen Kreis. Hat das mit Christentum überhaupt etwas zu tun? Die Gemeinschaft stiftet Jesus Christus. Und ein christlicher Kreis ist die Bejahung dieser Gemeinschaft, die Jesus uns gegeben hat.

So ist es auch im Judentum. Selbstverständlich opfert man, wie schon erwähnt wurde, aus Dank, als Hilfesuchender, als einer, der in Not ist. Es umfasst das ganze Leben: alle Tageszeiten, alle Jahreszeiten, alle Gefühle, alle Sozialbegriffe der einzelnen Menschen bis zum ganzen Volk. Aber dies sind die zwei zentralen Opfer: das Brandopfer und das Gemeinschaftsopfer. Das Brandopfer bedeutet, dass Gott alles gehört, wirklich alles, und das Gemeinschaftsopfer, dass ich die Gemeinschaft wirklich annehmen will, die Gott mir anbietet.

 

Opfer als Gebet

Was ist die moderne Form des Opfers, wenn wir Gottes Herrschaft über alles annehmen und bejahen, und gleichzeitig die Gemeinschaft, die er uns gestiftet hat, bejahen und annehmen? Wo geschieht das heute und in welcher Form? Wo anerkennen wir diese Gemeinschaft, die er uns gegeben hat, und bejahen sie?

Wir beten zu Gott, und wir danken ihm. Das Opfer ist die ursprüngliche Form des Gebetes. Alles, was das Gebet beinhaltet, ist in der Opferdarstellung völlig enthalten.

Was tun wir denn letzten Endes, wenn wir beten? Wir übergeben unsere ganze Person Jesus Christus. Das ist das Gebet. Damit bejahen wir seine Herrschaft über uns und die ganze Welt, in der wir leben, die gesamte Welt mit allem, was darin ist.

Gleichzeitig ist es nicht nur eine Selbstübergabe, sondern eine Anerkennung seiner Selbstübergabe am Kreuz, eine Bejahung

 

 

seiner Gemeinschaft mit uns, die er durch das Blut an seinem Kreuz bewirkt hat. Das ist das, was ein Gebet ausmacht. Es sei nochmals wiederholt: Ich anerkenne seine Herrschaft über mich, über alles, was ich habe und was ich bin. Und ich suche Gemeinschaft mit Gott, indem ich seine Gemeinschaft, die er mir gegeben hat, anerkenne, bejahe und annehme. Gebet umfasst auch den Lobpreis, alle Gefühle, umfasst alle Tageszeiten, umfasst auch alle Beziehungen, die persönlichsten Anliegen. Ein Gebet ist nicht nur meine Beziehung zu Gott, es umfasst auch die meiner ganzen Familie zu Gott, auch die meines Volkes. Auch im Tempel wird gebetet für die Menschen, die die Macht im Volk haben, dass sie ihr Amt richtig führen. Paulus ruft immer wieder dazu auf, auch Martin Luther hat das aufgegriffen. Das ist also alt- und neutestamentlich, wenn wir für die Führer des Volkes, der Völker, beten.

Das Gebet, so allumfassend, wie es ist, von der Tageszeit aus, von den Gefühlen aus, von den sozialen Dimensionen aus, alles was da drin liegt, ist ein Opfer. Es gibt überhaupt nichts, was wir im Gebet heute erleben und tun, was nicht in den Opfervorstellungen des Alten Testaments vorhanden ist. Leider hat das Gebet zuerst im Judentum keine so zentrale Rolle gespielt, jedenfalls nicht bis zur späteren Entwicklung. Aber das Opfer war die zentrale Gottesbeziehung. Das ist die Urform des Gebetes.

 

Opfer und Kreuz: Die Vordeutungen im Alten Testament

Wenn man dem Autor fragen würde, was bei der Kreuzigung Jesu passiert ist, was das alles bedeutete, dann würde er antworten: Es ist ein Opfergang. Das Kreuz Jesu ist das zentrale Geschehen im Neuen Testament, nicht nur dort, sondern überhaupt das zentrale Geschehen in der ganzen Weltgeschichte. Für alle Zeiten ist und war es nichts anderes als ein Opfergang. Es hat zutiefst mit Opfer zu tun. Und nicht nur das, sondern im ersten, zweiten und dritten Buch Mose stehen sehr zentrale Aussagen, die auf das Kreuz Jesu hindeuten.

Die wichtigste Aussage hiervon ist die, die wir am wenigsten kennen. Das ist typisch für heute, für unsere Bibelkenntnis. Was passiert im ersten Buch Mose? Dort ist diese persönliche Opfervorstellung vorhanden. Sie ist nämlich nicht nur persönlich, sondern es geht um den ganzen Segen Gottes über das Volk Israel, die ganze Zukunft dieses Volkes und damit über die Zukunft dieser Welt. Gott spricht zu Abraham: „Durch dich werden gesegnet werden alle Völker auf Erden" (1. Mose 12, 1). Die Opferung Isaaks und diese ganze Problematik ist zugleich auf der einen Seite total persönlich, aber gleichzeitig allumfassend für das Volk Israel und seine Zukunft und für die Welt, für alle Heiden, die dann später in Jesus Christus zum Glauben an den Gott Israels kommen werden. Auch das ist typisch biblisch.

In dem Persönlichen entfaltet sich das Kosmische, das alle Dimensionen des persönlichen Lebens, die Geschichte und alle Völker auf Erden einschließt. Das ist mit Weihnachten genau das gleiche, und mit Karfreitag. Was da persönlich vorgeht, umfasst alle Völker, und zwar für alle Zeiten.

Bei dem Opfergang Isaaks wird dem Abraham befohlen, seinen Sohn, auf den er immer gewartet und den er lange nicht bekommen hat, diesen Sohn, der ganz und gar von Gott kommt, zu opfern. Das ist zuerst biblisch. Alles gehört Gott, das Beste gehört Gott und der einzige Sohn soll ihm gehören. Abraham bringt ihn hin. Es gibt alle möglichen rabbinischen Aussagen im Talmud, was wohl in Abrahams Kopf vorging. Natürlich können wir das psychologisieren, alles mögliche da hinein interpretieren. Wir wissen nur sehr wenig über diese Geschichte.

Aber schlicht und einfach: Er bleibt treu, er geht direkt aufs Ziel, das Opfer, zu, ohne sich nach links oder nach rechts zu wenden. So war es auch beim Opfergang Jesu nach Golgatha. Bei Abraham sehen wir die Vorstufe dazu. Das ganze Alte Testament beinhaltet den Weg zu Jesus Christus. Alles, was mit Mose, Elia, David, natürlich auch Abraham, geschieht, ist der Weg zu Jesus Christus. Zuletzt geht alles in Erfüllung.

Abraham geht gehorsam. Er will seinen Sohn opfern. Es ist nicht sein Wille, er muss ihn opfern. Und nun will er ihn auch opfern, weil er Gott mehr liebt als seinen Sohn und sich und alles andere. Er liebt ihn mehr als seine eigene Zukunft, weil er ihm vertraut und ihm alles Gute zutraut.

So hatte auch Jesus Christus völliges Vertrauen zu seinem Vater, natürlich noch viel mehr als Abraham.

Aber im letzten Moment kommt ein Widder. Es sind drei zentrale Opfertiere in den biblischen Geschichten zu finden. Das eine ist der Widder, dann das Lamm und als drittes der Stier.

Die Abrahamsgeschichte zeigt auch, dass das Opfer, das Jesus Christus darbrachte, alles umfasst. Der Prophet Jeremia sagt, dass es ein Gräuel in Gottes Augen ist, die eigenen Kinder zu opfern. Gott will das nicht. Gott will aber, dass wir anerkennen, dass ihm alles gehört.

Es gibt Könige, die aus dem Judentum kamen, die ihre eigenen Söhne geopfert haben. Das ist ein Gräuel vor Gott. Sie haben die Geschichten vom Moloch gehört. Das ist ein fürchterlicher Gräuel in Gottes Augen.

Das 1. Buch Mose fängt an mit einer einzelnen Person, die dann stellvertretend für die Geschichte eines ganzen Volkes und für das ganze Heil der Welt dasteht. Nur durch die Verheißungen an Abraham, Isaak und Jakob kommt Gott zum Ziel: „Durch dich sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden."

Welches ist die Geschichte im 2. Buch Mose, die direkt mit Opfer zu tun hat? Das ist das Geschehen um das Passah. Das Passahfest ist ein bedeutender zentraler Feiertag im Judentum bis auf den heutigen Tag. Der Autor hat etwas Neues entdeckt in dieser Passah-Geschichte. Im Land Gosen mussten die Türpfosten mit dem Blut eines fehlerlosen Lammes bestrichen werden. Sicherlich wissen wir, wer dieses Lamm eigentlich ist. Es ist das Lamm Gottes. Aber was man bisher nie gehört hat, ist dies, dass dort eine Kreuzesform entstand, gebildet von der oberen Türschwelle und den beiden Seitenpfosten.

Wir können es noch besser ausdrücken. Sagen wir nicht Kreuzesform, sondern so, wie es wirklich bei der Kreuzigung Jesu zuging: Jesus hing in der Mitte mit segnenden ausgestreckten Armen und auf beiden Seiten von ihm die beiden anderen Männer, die mit ihm gekreuzigt wurden. Sogar die Form von Golgatha ist enthalten in der Passah-Geschichte. Auf jeden Fall ist dies sehr bemerkenswert.

Wenn man einen Juden fragt, was Passah sei, so wird er sagen: Das ist das Fest der Freiheit, das Fest der Befreiung. Hier wird durch die zehnte Plage (die Plagen wiederum zeigen Gottes allumfassende Herrschaft über die gesamte Schöpfung, nämlich die Pflanzen, Tiere, auch die Menschen bis in den Kosmos und die Lebenselemente hinein: völlige Dunkelheit über dem Land, das Wasser wird in Blut verwandelt usw. Diese 10 Plagen selbst sind eine Anerkennung der totalen Herrschaft des Gottes Israels über alles, was geschaffen ist, über die Lebenselemente und über den Kosmos selbst) der älteste Sohn von den Ägyptern genommen und getötet, auch die Erstgeborenen des Viehs, denn die Tiere leiden mit den Menschen.

Das Volk Israel wird vor dieser Plage nur gerettet, indem es ein tadelloses Lamm nimmt und es schlachtet und das Blut an die Türpfosten streicht. (Das Lamm durfte keinen Knochenbruch haben oder gehabt haben. Seine Knochen sollten ganz sein, wie dies auch im Johannes-Evangelium von dem gekreuzigten Jesus Christus berichtet wird.)

Wissen Sie, dass es zwei Überlieferungen gibt, wie das mit dem Passah damals war? Der Autor nimmt an, dass es richtig ist, dass das Passah einen Tag früher gefeiert wurde. Nehmen wir an, dass Johannes recht hat, dass Jesus auf Golgatha stirbt in der Stunde, als die Passah-Lämmer geschlachtet wurden. Das ist haargenau das, was vorgeht. Das bedeutet, dass er ein völlig neues Passah stiftet. Eine neue Befreiung wird gefeiert. Er wird gekreuzigt und stirbt genau dann, als die Passah-Lämmer geschlachtet werden. Er wird als unser Passah-Lamm geschlachtet und schenkt uns eine neue Befreiung.

Passah ist die Befreiung des Volkes Israel von der sozialen und politischen Herrschaft der Ägypter. Jesu Befreiung ist die Befreiung aller Menschen und Völker, die an ihn glauben, jedoch nicht sozial und politisch. Die modernen Theologen müssen ein wenig lernen, was in der Bibel steht. Es ist fast etwas Blasphemisches, wenn die modernen Theologen die soziale und politische Seite der Befreiung hervorheben. Es ist einfach nicht wahr, es ist nicht biblisch. Jesus hat das völlig abgelehnt; er hat sein Volk nicht befreit vom Joch der römischen Herrschaft. Er hat uns befreit von der Kraft und der Macht des Bösen, vom Satan, der in uns selbst ist. Das ist eine wirksame Befreiung, die in die letzte Tiefe geht.

Wer in der Theologie von der Befreiung als einer sozialen und politischen Befreiung redet, der redet von dem alten Passah; wir aber reden vom neuen. Sonst geschieht eine totale Verfälschung der Bibel. Wenn Jesus sein eigenes Volk nicht von seiner sozialen und politischen Knechtschaft befreit, haben wir kein Recht, ihn in der Weise anzunehmen, dass er uns befreien würde für unsere politischen Zwecke. Das ist Judaismus im übelsten Sinne, nicht im besten Sinne des Wortes. Das geht zurück zum Alten Testament und hat überhaupt nichts mit der Befreiung durch Jesus Christus zu tun. Er hat eine Befreiung vom Feind in uns, um uns und über uns bewirkt, nämlich von Satan selbst.

Die Bibel bedeutet Steigerung. Das ist ihr Grundprinzip. Wenn etwas im ersten Buch Mose gesagt wird, wird es im zweiten gesteigert, und im dritten Buch Mose wird noch eine weitere, letzte Steigerung hinzugefügt. Und diese dritte Geschichte ist am allerwenigsten bekannt. Kennen wir unsere Bibel? Was steht im 3. Buch Mose? Sicher gibt es einige, die das wissen.

Was ist die letzte Vollendung dieser Vorstellung von Opfer im Alten Testament in Bezug auf Jesu Kreuzigung als Opfergang? Erst kommt Isaak, dann das Passah-Opfer, dann Jom Kippur, der Tag der Versöhnung, 3. Buch Mose, Kapitel 16, die zentrale Stelle im Blick auf das Kreuz Jesu. Bei Isaak wurde ein Widder geopfert, beim Passah ein Lamm, aber an Jom Kippur kommen auch Stiere zur Opferung. Das bedeutet, von diesen verschiedenen Feiertagen werden alle Opfertiere umfasst. Wenn auch Jom Kippur eines der jüngsten Feste in Israel ist, so ist es doch das wichtigste. Was passierte im Tempel an Jom Kippur?

Der Priester zieht ein weißes Kleid an. Kleid bedeutet Erwählung. Josefs Kleid, das Kleid der Propheten, der Mantel des Propheten, das Würfeln um das Kleid Jesu. Vier Knechte würfelten, das sind vier Himmelsrichtungen. Das bedeutet, dass Jesus nicht nur König der Juden ist, sondern sein Heil, seine Erlösung erstreckt sich auch auf die Heiden - auf alle vier Himmelsrichtungen, über die ganze Welt. Darum steht das so deutlich dabei im Johannes-Evangelium.

Der Priester zieht also ein weißes Kleid an. Weiß ist das Zeichen der Reinheit. Mehrere Tiere werden geschlachtet, mehrere Arten, aber die zentrale Rolle spielt hier der Stier, und zwar deshalb, weil dieses Tier das Zeichen von Kraft ist. Auch in den romanischen Kirchen gibt es viele Bilder von Stieren als dem Zeichen der heidnischen Kräfte. Der Stier wird geopfert und das Blut wird auf den Vorhang des Allerheiligsten gestrichen, übertragen. Das ist das einzige Mal, wo so etwas passiert. Dann wird auch der Name JHWH (Jachweh) gerufen. Das ist der Name des Gottes Israels. Dieser Name darf von einem Juden nicht ausgesprochen werden. Er ist heilig.

Was passiert hier? Der Hohepriester unternimmt eine Sühneaktion, indem er sich und den Vorhang besudelt. Damit werden die Sünden für ein Jahr gesühnt. Damit kann er die Schuld und die Sünde der Gemeinde ein Jahr lang übernehmen, weil er freigesprochen ist von dem Gott Israels 'für ein Jahr.

Wer den Hebräerbrief kennt, weiß sehr genau, was hier geschieht. Bei der Kreuzigung Jesu ist dieser große Vorhang, welcher Gott und Mensch trennte, zerrissen, ein für allemal. Das wiederum hat auch mit der Beschneidung zu tun, von den Christen wird dies sehr wenig beachtet. Von den Juden dagegen wird das sehr stark beachtet. Bis ins Blut, bis ins letzte Blut hinein wird diese Wirklichkeit gehen. Diese Grenze zwischen Gottheit und Menschheit, die zuerst bei der Geburt Jesu überwunden wurde, als Gott in menschlicher Gestalt auf diese Erde kam, wird hier ein für allemal durch Jesus Christus überschritten, der für alle Zeit der Hohepriester in Ewigkeit ist und zugleich das geschlachtete Opfertier. Ja, er ist das Opferlamm. Wir könnten aber auch Widder oder Stier sagen. Wir sagen Lamm, vor allem von Jesaja 52 und 53 her, wo es heißt, dass er wie ein Lamm zur Schlachtbank gehe, ohne sich zu wehren. Hier wird die letzte Tiefe des Kreuzes Jesu gezeigt: Er tut alles, und wir tun nichts.

Was ist’s nun mit unserer modernen Theologie, der Theologie mit den guten Werken? Die ist lediglich ein neuer Katholizismus. Es kommt darauf an, was wir tun, wie wir unseren Nächsten lieben, was wir in und an dieser Welt schaffen, wie wir unseren Unterdrückten helfen usw. Nichts als ein neuer Katholizismus! Das hat mit der reformatorischen Theologie nichts mehr zu tun, nicht im Geringsten; das ist völlig unbiblisch. In allen zentralen Stellen der Bibel wird gezeigt, dass wir nichts tun: bei den zentralen Wundern zum Beispiel, beim Wunder am Roten Meer, wo die Juden den Tod vor sich und auch hinter sich sahen und wo Mose zu dem Volk sagte: „Seid stille, der Herr wird für euch kämpfen." Und er tat es. Auch bei dem Opfergang Jesu Christi können wir überhaupt nichts tun. Er opfert, und er wird geopfert.

Noch ein feiner Punkt: Im Leviticus Kapitel 10 steht: Der Priester soll keinen Wein trinken, wenn er in die Stiftshütte geht. Auch Jesus trank keinen Wein, kein Betäubungsmittel, bei seinem Opfergang. Er nahm nur eine gallenbittere Flüssigkeit. Er tat das, weil er wollte, dass er auch die letzten Schmerzen spürte. Jeder Gekreuzigte sonst nahm gerne ein Betäubungsmittel, damit die Schmerzen gelindert wurden. Es ist ja bekannt, Wein, Alkohol, lindert die Schmerzen Aber Jesus will nicht, dass die Schmerzen gelindert werden. Das ist die eine Bedeutung.

Ein zweiter Grund, warum er keinen Wein nahm, ist der: Er hatte vorher gesagt, dass er von dem Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken werde, bis er das mit seinen Jüngern in seines Vaters Hause tue.

Noch ein dritter Grund: Ein Priester durfte keinen Wein trinken, bevor er opferte. Jesus hat genau gewusst, was bei seiner Kreuzigung vorging. Er wusste, er selbst ist das Opferlamm, das Opfertier, und er ist auch der Priester in alle Ewigkeit. Das ist der dritte Grund, warum Jesus den Wein ablehnte.

Das sind nur kleine Punkte, aber doch sehr interessant und gut, wenn wir sie uns merken.

Alle diese drei, die Sache mit Isaak, dem Passah-Fest und Jom Kippur, weisen auf das Kreuz Jesu hin. Jesu Opfergang gilt für alle Zeiten. Es wird kein Opfer mehr gebracht, kein Opfertier geschlachtet. Er ist der Hohepriester in alle Ewigkeit, und er selber ist das geopferte Tier, das Osterlamm, das Opfertier in alle Ewigkeit.

Isaak, das gilt für den einzelnen, das Passah-Fest gilt für das ganze Volk, Jom Kippur bedeutet Versöhnung mit Gott. Das ist wie Karfreitag, der Tag der Versöhnung. Hier sind wir ein für allemal mit Gott versöhnt. Das ist das Lösegeld, das im Judentum für den ältesten Sohn bezahlt wird. Hier aber ist es das Lösegeld für alle sündigen Menschen.

Wer glaubt, dass Gesetzlichkeit der Mittelpunkt des Judentums ist, der muss einmal Jom Kippur erleben. Dann wird er das nie mehr meinen. An Jom Kippur sagt jeder Jude: „Alles, was ich getan habe, alle meine Gesetzeswerke, sind Dreck, weil ich ein Sünder bin. Ich habe kein Recht, vor dir (Gott) zu stehen." - Wenn man weiß, dass dies das zentrale Fest der Juden ist, kann niemand, der es erlebt hat, weiterhin behaupten, dass das Judentum ein Gesetzesglaube ist. Der Islam ist ein Gesetzesglaube, das Judentum nicht. Wenn man sagt: Alle meine „guten" Werke sind sinnlos, weil ich selbst ein sündiger Mensch bin, dann ist man auf der rechten Spur, auf dem rechten Weg. Dort wird auch die unerkannte Sünde angesprochen, die einem selbst nicht bewusst ist. Alle Gesetzeswerke sind von dieser Sünde befleckt: „Vor allem habe ich gegen dich, Herr, gesündigt", wie David es im Psalm 51 zum Ausdruck bringt.

 

 

Zusammenfassung

Wir sahen, dass das Opfer das zentrale Thema in der Bibel ist, dass das Opfer genau den ganzen Bereich des Gebetes vordeutet, dass es sogar die ursprüngliche Form des Gebets ist, dass die ganze Angelegenheit mit den Opfern der Inbegriff dessen ist, was am Kreuz Jesu geschah. Es nimmt auch die zentrale Stelle im Alten Testament ein: mit Isaak, mit dem Passah und mit Jom Kippur. Ergänzend seien noch einige Dinge gesagt:

Die Juden können nicht mehr opfern. Das ist für den Autor ein deutliches Zeichen, dass sie immer noch Gottes auserwähltes Volk geblieben sind. (Das steht in Römer 11.)

Jesus will von den Juden kein besonderes Opfer mehr. Sein Opfer gilt nicht nur für uns so genannte Christen, sondern auch für die Juden. Jesus weint über den Tempel, der zerstört werden soll. Es wurde deutlich gezeigt, dass es nur eine Opferstelle gibt, und das ist Jerusalem. Und Jerusalem mit seinem Tempel soll zerstört werden. Jesus prophezeite die Zerstörung des Tempels mehrmals. Das war einer der Hauptgründe dafür, dass er gekreuzigt wurde, und weil er sagte, dass er den Tempel in drei Tagen wieder aufbauen würde. Er meinte aber den endgültigen Tempel, seinen gekreuzigten und auferstandenen Leib.

Auf jeden Fall ist das für den Autor ein Beweis, dass die Juden das auserwählte Volk Gottes sind und bleiben. Es gibt noch alle möglichen anderen Beweise, aber dies ist ein zentraler Beweis:

Jesus will kein Opfer mehr, weder von den Juden noch von uns Christen. An der Stelle ihres alten Tempels gibt es jetzt ein „Götzenhaus", eine Moschee.

Opfer umfasst nicht nur Gebet, nicht nur das Kreuz Jesu, sondern auch ein zentrales Freudenfest, das Erntedankfest. Das ist ein Opferfest. Ein wunderbarer Gedanke: Im Mittelpunkt steht der Altar mit den guten Früchten, den schönsten und besten. Auch für die Kinder und für alles Erfreuliche und Gute wird unter dem Kreuz Jesu zum Erntedankfest Gott gelobt und gedankt. Es ist ein zentrales, wunderbares Bild: dieser Altar mit all seinen Gaben unter dem Kreuz. Und dann das Gebet unter diesem Bild. Das alles ist Opfer. Das Gebet, alles andere, was hingebracht wird zum Erntedankfest, das Beste, das alles sind Zeichen: Du bist der Herrscher über alles, alles gehört dir, wir gehören dir, darum sind wir hierher zum Gottesdienst gekommen. Und der gekreuzigte Jesus steht im Mittelpunkt. Das ist nichts anderes als Opfer. Das ist allumfassend, bis zur letzten Tiefe, wo Jesus alle Schuld dieser Welt ans Kreuz trägt. Damit wird Erntedankfest zu einem Freudenfest, zu einem Opferfest.

Verstehen wir jetzt, warum das Opfer der zentralste Begriff in unserer Bibel ist? Die Thora, die fünf Bücher Mose, sind das Zentrale im Alten Testament, und in diesem Zentralen sind die Opfer das Allerwichtigste. Das ist kein Zufall. Und wer das Neue Testament liest, wer Verständnis hat dafür, was Opfer überhaupt bedeutet, der wird merken, dass das ganze Testament ein Weg zum Opfergang ist, zum Kreuz Jesu, zu seiner endgültigen Erlösungstat für unsere Schuld.

Wir beten: „Herr Jesus, du hast uns alles gegeben, deine ganze Schöpfung, alle die Tiere und alle Pflanzen, Wasser und Luft, Himmel und Erde. Du hast uns alles, was wir haben und sind, gegeben, es kommt alles von dir. Als ob das nicht genug wäre, hast du dich selbst hingegeben. Alles hast du geopfert aus deiner Liebe zu uns. Du bist der Priester, und du bist das geschlachtete Lamm. Alles kommt von dir, nichts von uns. Und viele von uns leben heute, als ob du gar nicht da wärest. Wir nehmen die Schöpfung und behandeln sie so, dass sie heute im Sterben liegt, ohne zu merken, dass das unsere Schuld ist und unsere Sünde widerspiegelt. Die Schöpfung ist verseucht, weil wir verseucht sind. Luft und Wasser, Tiere und Pflanzen sind am Sterben, weil wir in tiefster Sünde leben. Herr Jesus, gib du uns die Kraft, dass wir uns bewusst werden, dass nicht nur alles von dir kommt, sondern dass alles zu dir kommen wird am Tage des Gerichtes, wo sich alle Knie vor dir beugen werden. Gib uns die Kraft, uns zu deiner Liebe zu bekennen, zu deinem Opfergang auf Golgatha. Das ist der Weg zu einer neuen Schöpfung, zu deinem ewig gültigen und unbefleckten Reich. Herr Jesus, wir haben es nicht verdient, trotzdem hast du es uns gegeben, und wir können nur sagen: Danke, vielen Dank, dass du das Opfer für uns gebracht hast. Amen."


Das Gottesbild - das zweite Gebot nach Mose

 

Einleitung: Was bedeutet das zweite Gebot nach Mose?

Das zweitwichtigste Gebot, das fast nicht mehr bekannt ist unter Christen, ist das zweite Gebot, das Gott nicht Luther gegeben hat, sondern Mose. Dieses Gebot kann man in sehr einfachem, modernem Deutsch so ausdrücken: Du sollst dir kein Bildnis noch Gleichnis machen, weder von Gott, noch vom Bösen, noch von deinen Mitmenschen.

Der Autor sah vor einigen Jahren den Film „Die Zuflucht" in Stuttgart. Etwas hat ihn sehr bewegt. Das war, wie die Hauptperson im Konzentrationslager landete, weil ihre ganze Familie Juden im Dritten Reich versteckt hatte. Diese gläubige Frau hat um alles für das tägliche Leben gebetet, und Jesus hat auf ihre kleinsten Bitten geantwortet. Wir Männer verstehen das vielleicht weniger als Frauen, die öfter ein feines Gefühl für Ordnung haben, wo es um eine Kleinigkeit gehen kann, damit ein Tag richtig läuft oder nicht, ein Tag, in einem Konzentrationslager recht zu leben und zu überleben! Jede Kleinigkeit kann etwas sehr Wichtiges, Bedeutungsvolles sein. Diese Christin betete um kleine Dinge, und Jesus hörte sie und erfüllte ihre Wünsche. Schließlich hat er dann noch etwas viel Wichtigeres getan - sie freigelassen. Das war ein „Zufall", denn sie war von den Menschen für den Tod bestimmt. Wir wissen als Christen: Es war kein Zufall.

Als der Autor diesen Film sah, hat der Jude in ihm auch geredet. Er ist Jude und Christ. Der Christ hat gesagt: „Ja, so ist Jesus, unser naher und liebevoller Gott." Der Jude in ihm aber kam zu Wort und sagte: „Jaffin, wenn du nicht getauft und im Dritten Reich hier in Deutschland gewesen wärst und dann natürlich im Konzentrationslager, und wenn du unter den sehr wenigen Überlebenden gewesen wärst, würde wohl eine Beziehung zu Gott für dich sinnvoll sein, zu einem Gott in der Nähe, einem Gott der Liebe?" Und die Antwort war: „Selbstverständlich nicht."

Was nützt ein naher Gott, ein liebevoller Gott, wenn ein ganzes Volk zugrundegerichtet wird, wenn jeden Tag Tausende vergast werden? Was nützt es, wenn ein einzelner überlebt? Viele Juden sind ausgewandert, viele haben Selbstmord begangen, weil sie nicht weiterleben konnten mit dem, was passiert ist. Stefan Zweig ist nur einer der berühmtesten von ihnen. Eines anderen, nämlich Amery's Glaubensbekenntnis war: „Ich weiß nur eines, ich bin kein Nichtjude." Das ist auch eine Art von Glaubensbekenntnis zu dem Volk Israel.

Was würde ein Gott der Nähe und der Liebe nützen, wenn er nicht in seines Volkes Nähe war und keinen Finger rührte zu seiner Rettung? Gar nichts! Aber der Autor fragte sich weiter: „Jaffin, wenn du Jude im Konzentrationslager gewesen wärst, könnte eine Beziehung zum Gott Israels dir wirklich geholfen haben?"

Ich habe sofort ja gesagt. Was für eine Beziehung konnte das sein? Nicht die zu dem nahen und liebevollen Gott, der genauso alttestamentlich wie neutestamentlich ist, wie das ganze Buch Hosea bezeugt. Natürlich eine sehr merkwürdige Liebe, nicht die Art Liebe, die wir uns so gerne vorstellen, sondern eine züchtigende und eifernde Liebe. Einen „Nahegott" gibt es in Israel auch. Juden reden immer mit Gott, wie Hiob mit Gott geredet hat. Aber damit wäre uns nicht geholfen.

Was für eine Beziehung zu Gott könnte hier helfen? Ein Gott des Gerichts, gerade ein solcher Gott, wie wir ihn im Christentum kaum mehr treffen. Ganz Auschwitz war aufgemacht wie das letzte Gericht, wie wir es uns vorstellen. Schlangen von Zügen kommen von überall her mit Juden. Sie warten und warten. Und da stehen die Nazis, die Ärzte - Mengele, der noch am Leben ist. Dieser Mann ist ein brutaler Mörder. Er war der Arzt, der die verschiedenen Versuche an lebendigen Menschen gemacht hat. Er stand vorne mit SS-Offizieren. Und jeder Jude kam nach vorne. Dann war die Entscheidung fällig - Leben oder Tod. So stellen wir uns das Letzte Gericht vor - ewiges Leben oder ewiger Tod. Die Juden sagten: „Die sprechen nicht das letzte Wort, sondern unser Gott, der Gott Israels. Der richtende Gott wird das letzte Wort sprechen, und das ist ein Trost."

Zum andern: der Gott Israels ist nicht nur der richtende Gott, er ist ein Gott der Geschichte. Seine Beziehung zu Israel durch das ganze Alte Testament ist eine geschichtliche Beziehung. Die Antwort eines gläubigen Juden wäre: „Dieser Gott Israels weiß, dass wir durch die tiefsten Leiden gehen müssen, dass gemäß Hesekiel 37 wir zu einem Knochenfeld gemacht werden müssen, dass wir dann nach Israel zurückkehren und dass dann unser Messias kommt." Tausende von Juden im Dritten Reich sind ermordet worden mit der Erkenntnis: „Über unseren Tod kommt das wahre und ewige Leben für unser Volk."

Bei jeder Verfolgung der Juden haben sie immer gewartet, ob das die endgültige Verfolgung sei, von der Hesekiel und die Rabbiner immer erzählt haben. Und viele, die im Dritten Reich waren, haben gewusst, dass dies die letzte Verfolgung vor einem besonderen Ereignis ist. Und die, die überlebt hätten, würden genau wissen, dass genau drei Jahre später - Mai 1945 /Mai 1948 - der vormessianische Staat Israel gegründet werde. Genau drei Jahre nach der letzten Vergasungskammer.. .

Dann kommt die Frage, ob das der gleiche Gott ist: der nahe, persönliche Gott der Nächstenliebe im wahrsten Sinne, der Gott der verfolgten Juden, der Gott des Gottesgerichts, der Gott der Geschichte, der durch die Geschichte von Israel ans Ziel kommen wird. Ist das alles der gleiche Gott? Jawohl, er ist der gleiche Gott!

Wer steht eigentlich näher zum Gott Israels - die Juden oder die Christen? Die Antwort des Autors ist: Beide Gruppen haben oft sehr einseitige Vorstellungen von dem gleichen Gott! Wo kommt das alles her, der Modernismus unserer Zeit, das versüßte Jesusbild? Ein Grund liegt in dem Wegwerfen des zweiten Gebotes im 16. Jahrhundert. Damit hat Luther seinen zweitgrößten Fehler gemacht. Luther war nicht der erste, sondern die katholische Kirche. Luther hat deren Entscheidung übernommen. Sein größter Fehler natürlich war seine Judenhetze am Ende seines Lebens, weil die Juden sich nicht taufen ließen.

Dann kommt die zentrale Frage zum zweiten Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis machen" - das bedeutet eine physische, körperliche Darstellung - „noch ein Gleichnis" - das bedeutet eine geistige Vorstellung -, „weder von Gott noch vom Bösen noch von euren Mitmenschen." Warum wurde dieses Gebot gestrichen? Das Sonderbare ist, dass es so lange gedauert hat, dieses Gebot zu streichen. Rund 1400 Jahre hat die katholische Kirche dazu gebraucht. Aber in diesen 1400 Jahren haben die Katholiken gute Gründe gefunden, - dieses Gebot zu streichen. Trotz dieser Gründe und trotz des Gewichts Augustins, des weitaus wichtigsten Kirchenvaters (der dieses Gebot schon streichen wollte), hat die katholische Kirche lange nein gesagt. Schließlich kam sie zu der Überzeugung: „Was Augustin sagt, ist richtig, dieses Gebot dürfen wir streichen."

Das Argument der katholischen Kirche war sehr einfach: Wir können ein Bild von Jesus Christus machen, er ist Mensch geworden. Er ist Mensch, er ist Jude. Wahrscheinlich war er etwas klein und schwarzhaarig. Er ist Mensch geworden. Warum sollen wir nicht ein Bild von ihm malen können? Das können wir tun. Man hat sowieso von Jesus Darstellungen in der Kunst, auch als dieses Gebot noch nicht gestrichen war. Das ist natürlich ein Widerspruch. Trotzdem war das erlaubt.

Interessant ist hier eine Nebenbemerkung: Gibt es überhaupt eine Beschreibung von Jesus in der Bibel, wie er ausgesehen hat? Es gibt keine. Es ist völlig unwichtig, wie Jesus ausgesehen hat. Wichtig ist, was er gesagt, was er getan hat. Sein Aussehen ist total unwesentlich.

Wir können vielleicht ahnen, wie Jesus ausgesehen hat. Der Autor vermutet, daß das Turiner Leintuch echt ist. Was man von der Forschung gesehen hat, ist überzeugend. Zwar ist das ganz und gar unwichtig in Beziehung zu unserem Thema. Was wichtig ist, ist, dass Gott Mensch geworden ist. Und weil er Mensch geworden ist, kann man versuchen, ein Bild von ihm zu malen. Ein französischer Maler zum Beispiel malt ihn als französischen Bauern. Es gab deutsche Maler, die Jesus als einen Deutschen malten, Dürer malte sich sogar als Jesus. Eine sehr sonderbare Art einer Selbstdarstellung! Auf jeden Fall ist Jesus Mensch geworden.

Dann gibt es die geistige Vorstellung, das Gleichnis. Können wir etwas über die Gefühle wissen, die Jesus hatte, seine Gedanken, was er war und wie er war? Wodurch? Wie können wir das alles herausbekommen? Durch die Evangelien! Im Markus-Evangelium können wir ganz besonders viel erfahren über seine Gefühlswelt. Im Matthäus-Evangelium haben wir die zentrale Rede Jesu, die Bergpredigt, die heute oft so falsch ausgelegt wird. Sie ist weder eine persönliche noch eine persönlich-politische Ethik, sondern Gottes Forderung an die Menschheit, die vom Menschen aus in eigener Kraft unerfüllbar ist, die Jesus aber selbst erfüllt hat. Diese Rede ist letzten Endes Gottes Programm, das durch ihn als Ganzes erfüllt wird und nicht durch irgend jemand anderen. Auf jeden Fall wissen wir sehr genau, was Jesus dachte, und wir haben auch erfahren, was er tat.

Warum können wir nicht ein Gleichnis machen? Ein Gleichnis bedeutet eine geistige Vorstellung. Dazu gibt es das Evangelium, wie Luther mit Recht ausdrückt, das Johannes-Evangelium. Da wird in der Tiefe gezeigt, wer Jesus Christus ist, alle seine besonderen Eigenschaften. Gut, wir können uns also ein Bild machen, eine körperliche Darstellung, weil er Mensch geworden ist. Ob das Turiner Leintuch echt oder unecht ist, spielt hier keine Rolle. Er ist Mensch geworden, das ist die Hauptsache, obwohl die Juden das natürlich ablehnen. Die müssen sich an das zweite Gebot halten.

Diese Aussagen von der Menschwerdung Jesu klingen für uns Christen sehr überzeugend, so überzeugend, dass nach 1400 Jahren, besonders durch die wiederholte Bestätigung durch Augustin, der 1000 Jahre vorher gelebt hat, diese Entscheidung gefällt wird. Das zweite Gebot wird an den Rand des Katechismus gestellt.

Was ist die Auswirkung? Wir sehen die Tatsachen, die Werke an ihrer Auswirkung. Das Interessante ist, die erste Auswirkung von dem Wegfall des zweiten Gebotes hat überhaupt nicht mit dem Gottesbild, sondern mit dem Bild von Satan zu tun. Plötzlich, im 15. Jahrhundert, fängt eine Teufelsmalerei sondergleichen an. Aus dem unsichtbaren Satan wird der sehr sichtbare Teufel, schön ausgestaltet mit zwei Hörnern, mit einem Schwanz, mit Pferdefuß. Vor wem haben wir mehr Angst: Vor einem unsichtbaren Bösen, den man nicht sinnlich und geistig begreifen und ergreifen kann, oder vor einem Teufel, der jetzt in das Zimmer hereinkommen konnte mit Hörnern usw.? Vor wem haben wir mehr Angst?

Wir haben mehr Angst vor dem Unsichtbaren! Was sollen wir dagegen tun? Wir können es nicht begreifen, wir können es ebenso wenig ergreifen. Diese Teufelsbilder sind eine Verharmlosung des Bösen. Wenn wir ein sichtbares Bild des Bösen haben, denken wir, bewusst oder unbewusst, wir könnten ihn im Griff haben. Oder hat er etwa uns im Griff?

Schauen Sie die Bilder des späten 15. Jahrhunderts einmal an, schauen Sie vor allem Hieronymus Bosch an, den größten Teufelsmaler aller Zeiten; auch diese ganze zentrale Darstellung des Bösen bei Grünewald. Das ist die Art, das unsichtbare Böse im Griff zu haben, es zu verharmlosen.

Die allerälteste Malerei, die wir haben, sind die Höhlenmalereien an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien, deren Alter man auf etwa 30 000 Jahre datiert. Da sieht man eine ganze Kunstgalerie von Tierbildern, wunderbare wilde Tiere. Ein 30000 Jahre altes Kunstmuseum in einer Höhle? Das war in der Jägerzeit. Diese Menschen haben gedacht: „Wenn wir Bilder von diesen Tieren machen, haben wir Kraft über diese Tiere, und durch diese Kraft können wir sie kaputtmachen." Das war ihre magische und unterbewusste Vorstellung. Aber es hat sehr viel mit diesem ganzen Problem des sichtbaren und unsichtbaren Bösen zu tun.

In dem Moment, wo man versucht, das Böse sichtbar zu machen, ist es nicht mehr so unheimlich, so unbegreiflich für uns.

Das also war die erste Auswirkung nach dem „Wegfall" des zweiten Gebots, die Verharmlosung des Bösen. Es ist zwar nicht das Thema von heute. Man könnte es aber weiter Schritt für Schritt aufzeigen bis in die moderne Theologie. Man sagt in der extremen modernen Theologie, dass es keinen Satan gibt. Das ist der erste Schritt vom Wegwerfen des zweiten Gebotes.

Das nächste, was passierte, hat mit dem Gottesbild zu tun. Der Verfasser ist trotz aller Kritik an Luther ein Lutheraner. Er ist von der Prophetie stark geprägt vom Judentum her, von Luther, vom Pietismus - auf jeden Fall von Luther. Niemand kann behaupten, dass er Gott verharmlost hat. Luthers Gottesbild, das auch das Gottesbild des Autors ist, ist ein Bild, das wir total verloren haben in den letzten Jahrhunderten, dieses Bild ist nicht zu verharmlosen, sondern umgekehrt, es hat Luther erschreckt. Luther war sehr beschäftigt mit dem Problem von Gottes Gerechtigkeit, ein zentrales Thema der Bibel. Die Liebe Gottes gehört natürlich dazu. Luther war so erschreckt über den richtenden Gott, dass sein ganzer Kampf um einen gnädigen Gott ging. Auch wenn Luther das zweite Gebot nicht behandelt hat, so hat er Jesus Christus nie verharmlost. Ich kenne keine Schrift von Luther, in der er versucht hat, Jesus süßlich und lieb und nett und allzu menschlich darzustellen. So etwas gibt es nicht. Man sagt, dass diese Versüßlichung mit dem Pietismus angefangen habe. Der Verfasser glaubt das nicht. Zwar gibt es in der pietistischen Darstellung eine sehr starke Betonung des nahen Gottes der Liebe, aber der Pietismus hat niemals den richtenden Gott weggeschafft. Der steht immer im Hintergrund. Der persönliche Gott im alltäglichen Leben war der Mittelpunkt im Alltag. Aber dieser richtende Gott stand dahinter, der Gott der Gerechtigkeit, der alles überschaut.

Der Verfasser hat vor allen Pietistengruppen gesprochen; da war kein einziger, der einen Stein gegen seine Vorstellung von Gott warf. Das zeigt sehr deutlich, dass diese Gefahr nicht im Pietismus steckt, trotz der Betonung der Liebe und Nähe Jesu. Es stand immer der richtende Gott deutlich im Hintergrund als der Gerechte und Erhabene.

Wann fing die Gefahr dann wirklich an? Mit der Aufklärung.

 

Die Verharmlosung Jesu Christi

In der Zeit der Aufklärung kam die Vorstellung auf, dass der Begriff „Gott" aufgeklärt werden müsse. Alles, was nach menschlichem Verstand in der Bibel war, hat man akzeptiert. Was aber unverständlich war, was nicht mit dem menschlichen Verstand in Einklang zu bringen war, hat man an den Rand gestellt. Gott, als der Schöpfer, musste ein verständlicher Gott sein im Gegensatz zu Jesaja 55: „Je höher der Himmel ist als die Erde, soviel höher sind meine Gedanken und Wege als eure Gedanken und Wege." Die moderne Theologie fing nicht im 20. Jahrhundert an, sie fing im 18. Jahrhundert an. Theologen dieser Zeit versuchten mit menschlicher Vernunft, historisch-kritisch die Gotteswahrheit unter die Lupe zu stellen und sie durch unsere Vernunft zu durchleuchten. Das war die Quelle des ganzen Problems. Aber vorausgesetzt war: Gott ist, wie ich ihn haben will, ohne dass er etwas dazu zu sagen hat. Im 18. Jahrhundert haben die Hauptdenker dieser Richtung immer gemeint: Gott ist rational, er ist ein rational Denkender, logisch Denkender wie ich. Und das bedeutet, er ist wie ich. Das Ergebnis lautete: Wunderhafte Sachen gibt es nicht, rationale Menschen wissen das. Das war der erste Schritt. Dabei ist uns gerade das zweite Gebot gegeben, dass wir nicht in die Gefahr kommen, ihn nach unserem eigenen Wunschbild darzustellen, wie wir ihn haben wollen.

Im 19. Jahrhundert ging man einen Schritt weiter. Es ist sehr vereinfacht, aber ich rede über die zentrale Entwicklung des geistigen Lebens in der Theologie.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gilt ein Leitmotiv: Menschliche Kultur und Zivilisation geht aufwärts durch Wissenschaft, durch Medizin, durch Technologie. Schritt um Schritt werden wir eine bessere Welt schaffen. Das nennen wir Kultur-Optimismus. Schritt um Schritt geht es besser. Was für einen Gott hat man? „Jesus geht voran auf der Lebensbahn." Nicht in unserem Sinn. Nein, Jesus geht voran als Mensch, sicher auch als Gott, daran ist nicht zu zweifeln, und wenige haben die Göttlichkeit Jesu in dieser Gruppe in Frage gestellt, aber vor allem als Mensch, als unser Vorbild.

Der Hauptaspekt des Gottesbildes im 19. Jahrhundert ist Jesus Christus als menschliches Vorbild. Wir müssen von ihm lernen, wie wir ethisch und moralisch zu leben haben. Und wenn wir von ihm lernen, werden wir immer besser werden. Und wenn wir immer besser werden, dann werden wir allmählich eine Art Himmelreich auf Erden selbst schaffen. Das ist das Leitmotiv des

19. Jahrhunderts in der Theologie: die Betonung liegt auf westlicher Kultur und Zivilisation, die sich immer höher entwickeln wird und bei der Jesus dann der wird, der vorangeht als der für uns beispielhafte Mensch.

Diese Theologie wurde zerstört mit dem Ersten Weltkrieg, mit der Römerbriefauslegung von Barth, die gut war, weil sie zurück zur Bibel führte. Nicht alles, was von Barth kam, ist so. Es dämmerte die Erkenntnis auf, dass unsere Zivilisation nicht aufwärts tendiert, sondern dass der Erste Weltkrieg der Beginn der Endzeit war, besser gesagt, die Einführung des Endes der Endzeit, wo alles, was der Mensch geschaffen hat durch Technologie und Wissenschaft, gegen ihn benutzt wird. Das ganze Kriegsmaterial, das wir hatten, die vielen Flugzeuge und Panzer und alles, was da ist, wird nun gegen den Menschen benutzt und nicht für den Menschen.

Und was passierte vor Verdun? Eine Riesenschlacht, jedoch ohne Bewegung. Das war zeichenhaft für unsere Zivilisation. Wir haben gedacht, wir gehen aufwärts, Schritt für Schritt hinter Jesus her, und plötzlich haben wir gemerkt, wir bleiben stehen, es geht nicht weiter. Das war eine Zeichenhandlung Gottes durch den Ersten Weltkrieg an uns. Dieser Positivismus, aufzustreben zu Gottes Reich, war zu Ende.

Und plötzlich merkten wir, wie es wirklich war, wie klein wir sind, wie verloren. Eine Rückkehr zu Luther war fällig, eine Rückkehr zur Heiligen Schrift wie nach jedem Krieg; aber nach diesem Krieg in ganz besonderem Maße.

Trotz dieser Tatsache erwuchs im 20. Jahrhundert eine weitere Fortsetzung der liberalen Theologie, die noch einen Schritt weiter ging in Bultmanns Entmythologisierung. Seine Theologie ist nicht neu, sie geht zurück auf David Friedrich Strauß, Anfang des 19. Jahrhunderts, 100 Jahre vor Bultmann. Bultmann-Thesen sind zwar übel, aber nicht original. Doch dann ging man weiter, so weit, dass manche modernen Theologen Jesus nur als Menschen gelten ließen: Jesus ist für sie nur vorbildlicher Mensch, er ist kein Gott mehr. Das bedeutet: alles, was mit Wundern zu tun hat, ist nur Mythos. Die Göttlichkeit ist unwichtig, weil das Diesseits das Wesentliche ist, nicht das Jenseits.

Es gibt Theologen, die lachen über die Wiederkunft Jesu, weil sie die Göttlichkeit Jesu nicht akzeptieren. Wer aber über die Wiederkunft Jesu lacht, muss über die ganze Bibel lachen, weil diese die Wiederkunft Jesu voraussetzt.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Malerei und in den Plastiken wider. Wenn wir im Mittelalter, auch in der Luther-Zeit, Bilder, Darstellungen von Jesus sehen, erscheint er ständig als Weltenrichter. Er hält die Welt in seiner Hand. Auch geht manchmal ein Schwert durch seinen Mund. Es ist nicht nur das Schwert des Wortes. Es ist zweischneidig und bedeutet - Wort und Macht!

Das will die Friedensbewegung heute natürlich nicht hören. Jesus ist für sie ein so guter und süßer und lieber Jesus! Das Machtbild von Jesus, geprägt in der Offenbarung, auch schon in der alttestamentlichen Prophetie, dieses Bild verschwindet. Sicher kann man es finden, wenn man lange genug sucht, auch in der modernen Zeit, aber das Bild von Jesus wird immer menschlicher; er wird mehr der barmherzige, liebevolle Jesus. Das ist nicht falsch. Aber daneben gehört auch das Bild Gottes als Richter. Hier soll die Wurzel der Verflachung und Verharmlosung von Jesus Christus aufgezeigt werden.

Wie kann das am deutlichsten dokumentiert werden? Wann ist der Gottesdienst jedes Jahr am meisten besucht? Am Christfest - da haben wir den lieben und guten und süßen Säugling Jesus. Das ist aber überhaupt nicht der wichtigste Tag im Jahr. Welcher dann? Karfreitag!

An Weihnachten haben wir die Stimmung, wie wir das nennen, die weltliche Stimmung, nicht die göttliche. Da haben wir den lieben, süßen Jesus, und die Frauen meinen, sie haben auch so ein kleines Kind gehabt; die Männer denken, wie süß das ist. Und man hat eine Predigt, die öfters keine Predigt ist, sondern nur Stimmung von Friede, Liebe usw.

Am wirklich zentralen Feiertag, an Karfreitag, gehen nicht so viele Leute in den Gottesdienst, weil ihnen das zu ernst ist. Nicht, dass die Christvesper an sich nicht ernst ist. Es ist zutiefst ernst, dass Gott Mensch geworden ist, dass er auf die Welt gekommen ist. Aber schauen Sie mal Bilder an vom Mittelalter, wie Jesus dargestellt wird als Kind. Er hat ein Erwachsenengesicht, manchmal ein Leidensgesicht, trägt manchmal sogar ein Schwert in der Hand. Es gibt sehr merkwürdige Jesusdarstellungen, alles andere als harmlos.

Heute ist das genau umgekehrt. Er ist der gute, liebe Jesus, den wir haben wollen. Das bedeutet: wir haben ihn nach unserem eigenen Wunschbild dargestellt. So ist das weit und breit der Fall. Der Autor will ohne weiteres zugeben, dass es Ausnahmen gibt.

Er hat in der letzten Zeit bei vier großen Veranstaltungen gerade über dieses Thema gesprochen, und die Pietisten haben ihm die Hand geschüttelt. Hingegen kam ein Pfarrer zu ihm und sagte: „Das ist nicht mein Jesus, der mit Gewalt kommt, als Richter. Diesen Jesus akzeptiere ich nicht. Jesus ist nur Liebe im menschlichen Sinn." Es ist zu vermuten, dass viele Pfarrer so denken.

 

Die biblische Bestätigung des zweiten Gebots

Jetzt kommt die Frage: Wer ist dieser Jaffin, der zu uns kommt und Luther in Frage stellt und sogar die gelehrten Herren der katholischen Kirche? Was für ein Recht hat er, über das zweite Gebot zu entscheiden? Dies soll im folgenden begründet werden. Luther kann nur widerlegt werden mit der Bibel, mit der Heiligen Schrift.

Nehmen wir den bekanntesten Text im Neuen Testament. Es ist verwunderlich, dass Luther diesen Text nie so gelesen hat wie wir ihn jetzt lesen: 1. Korinther 13, Vers 9ff. Hat diese Stelle überhaupt mit dem zweiten Gebot zu tun?

„Unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindliche Anschläge, da ich aber ein Mann war, tat ich ab das Kindliche."

Jetzt hört man diesen Satz, das ist das Zentrale. Wir sehen wie durch einen Spiegel in ein dunkles Wort. Was bedeutet „Wort" in der Bibel? Gotteswort! Das ist das Wort, das in Johannes 1 Fleisch geworden ist. Ja, wir sehen jetzt durch einen Spiegel in ein dunkles Wort. Wie kann er schreiben „ein dunkles Wort"? Jesus ist nicht mehr dunkel. Auch zur Zeit des Paulus, als der 1. Korintherbrief geschrieben wurde, waren alle die Erkenntnisse der Evangelien vorhanden, auch wenn sie nicht niedergeschrieben waren, und zwar als Gottes heiliges Wort, wenn es auch nur unter den Juden von Mund zu Mund weitergegeben worden war. Diese Erkenntnis, dass Jesus das Wort ist, das Fleisch geworden ist, war Paulus sehr wohl bekannt. Wie kann er dann behaupten, dass dieses Wort dunkel für uns ist?

Wir lesen weiter: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in ein dunkles Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht"

Wann stehen wir von Angesicht zu Angesicht vor Gott? Im Gericht. Dann wird offenbar, dass das Wort vollständig klar ist. „Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin."

Trotz allem ist das Wort Jesus Christus, das Fleisch geworden ist, dunkel für uns. Warum? Sehr einfach. Weil wir Sünder sind und weil wir es mit unserem menschlichen Blick sehen. Kein Mensch hat eine vollständige Vorstellung von Jesus Christus, kann sich ein Gleichnis machen mit sündhaften Augen. Nur wenn wir durch das Gericht gegangen sind und die Sünde weg ist, können wir uns ein vollständiges Gleichnis von Jesus Christus machen. Bis dahin, sagt Paulus, ist unsere Erkenntnis nur Stückwerk.

Sehr merkwürdig, dass Luther das nie sah. Es ist so einfach und selbstverständlich.

Dazu gibt es noch einen anderen klaren Beweis, dass wir das zweite Gebot brauchen. Das ist die Geschichte, dass wir Gott immer in unser Wunschbild umgeformt, den richtenden Gott aber immer weiter in den Hintergrund gestellt haben mit wenigen Ausnahmen. Sehr viele Traditionschristen hören das nicht gerne, dass Jesus mit dem Schwert kommt, dass Jesus auch ein richtender Herr ist. Sie wollen nur den Guten und den Lieben, der immer alles vergibt. Mit so einem Gott kann man leichter umgehen. Das hören wir sehr gerne: Gott vergibt einfach und leicht alles. So nehmen wir seine Herrlichkeit weg und seinen Eifer.

Es gibt noch eine andere Art als die Betrachtung von 1. Korinther 13, die uns das zeigt. Es gibt keine einzige Stelle in unserer Bibel, wo es nur Gnade gibt. Genauso gibt es keine einzige Stelle in unserer Bibel, in der es nur Gericht gibt. Gericht und Gnade sind eine unzertrennliche Einheit.

Nur um die Hauptsache zu nennen, erwähnen wir die zwei zentralen Ereignisse im Alten und im Neuen Bund und dann das kommende Ereignis - den richtenden und rettenden Jesus. Der Exodus aus Ägypten, verbunden mit dem Passah, ist für die Juden das zentrale Ereignis im Alten Testament. Das spiegelt sich in den Psalmen, in der ganzen Geschichte, das war das Wunder, wo Gott sich als der wahre König Israels ein für allemal bestätigt hat. Das Fest der Befreiung.

Und was passierte bei diesem Fest der Befreiung? Was passierte mit diesem „zweischneidigen Schwert", hier in einer anderen Art zweischneidig? Eines wird weg geschnitten von der Gefangenschaft und wird befreit. Das ist das Sklavenvolk, sein Volk. Das andere Volk ist die Welt. Die Welt wird zeichenhaft zerstört, ins Meer geworfen: Gericht. Genau das gleiche passierte bei Jesu Kreuz, der zentralen Darstellung im Neuen Testament.

Wer glaubt, dass Kreuz nur Gnade ist oder nur Gericht, hat keine Ahnung, was Kreuz bedeutet. Kreuz ist das totale Gericht über die ganze Welt. Wir haben Gott umgebracht, vertreten durch das größte Reich, das die Welt je gesehen hat, das römische Reich. Pilatus hat es vertreten. Er hätte Jesus retten können, wenn er es gewollt hätte, er kann seine Hände nicht in Unschuld waschen. Er entschied über Leben und Tod. Er hätte ihn aus dem Gefängnis holen, ihn bis ans Ende des römischen Reiches bewachen lassen können, bis er gestorben wäre.

Das tat er nicht, weil Jesus seine Macht in Frage stellte. „Bist du auch ein König?" Er hatte Angst vor Jesus. Und sein eigenes Volk, die Schriftgelehrten, die Pharisäer, der Hohepriester -?

Es ist ein totales Gericht über die ganze Welt. Wir alle haben ihn umgebracht. Darum leidet die Schöpfung mit ihm. Totale Dunkelheit kommt über das Land. Die Kräfte des Todes und der Sünde herrschen, deswegen geht Jesus nicht zurück zu der alten Schöpfung. Wenn das nicht Gericht wäre, könnte er tun, was er mit Lazarus getan hat: den alten Leib zurückgewinnen. Nein, er gibt das auf, die alte Schöpfung ist dahin. Es fängt die Endzeit an. Wir reden viel und gerne über die Endzeit, aber wann fängt diese eigentlich an? Mit der Kreuzigung Jesu! Er geht nicht zurück zu der alten Welt. Die ist im Sterben mit ihm. Er geht durch, „er geht voran auf des Lebens Bahn" im wahrsten Sinn. Er geht durch den Tod zur Auferstehung zu einer neuen Welt. Das ist Gnade. Das ist totales Gericht über die Welt und totale Gnade in einer Einheit in Jesu Kreuz.

So wird es sein, wenn Jesus kommt als Richter und Retter. Die, die ihm gehören, die wirklich ihm gehören, die werden Gnade erleben durch ihn allein, nicht durch Werke, sondern durch ihn. Und die ihm nicht gehören, werden das Gericht erleben und zwar ewiges Gericht. Das ist es. Alle zentralen Handlungen in unserer Bibel haben mit einem ernst zu nehmenden Gott zu tun, mit einem Gott des Gerichts und einem Gott gleichzeitig der Gnade.

Deshalb bleibt festzustellen: Wer nur Gnade predigt, predigt seine Gemeinde ins Gericht, siehe Hesekiel 3, 17-19. Und wer nur Gericht predigt, weiß nichts von der Liebe und der Gnade Christi. Gericht und Gnade sind eine unzertrennliche Einheit.

 

Wer ist Jesus Christus?

Im Folgenden wollen wir das zweite Gebot in der Tiefe kennen lernen. Dies soll dadurch geschehen, dass dargestellt wird, wer Jesus Christus ist, auf eine solche Art und Weise, dass das zweite Gebot in seinem zweiten Teil -             du sollst dir kein Gleichnis von Gott machen" - nicht gebrochen wird.

Was ist das zweite Gebot? Es ist der Zaun, der Schutz des ersten Gebotes. Wie der Talmud für die Juden ein Zaun ist, der die Thora schützt, so schützt das zweite Gebot das erste Gebot: Du sollst keinen Gott neben mir haben. Wenn wir das zweite Gebot brechen, stellen wir Götzen an den Platz, der Jesus Christus gehört. Wir machen uns geistige Vorstellungen über ihn, die dann zu Götzen werden, weil sie unsere eigenen Wunschbilder sind von Jesus. Nie wird es gelingen, ihn so darzustellen, wie er wirklich ist.

Wer Jesus Christus ist - das ist das wichtigste Thema, das es überhaupt gibt. Er soll so vor uns stehen, dass wir ihn nie im Griff haben, sondern dass er uns im Griff hat. Es soll Jesu Herrlichkeit und Macht und Liebe und Barmherzigkeit so dargestellt werden, dass dieser Gott unantastbar ist. Dann schafft man wirklich, was das zweite Gebot haben will: einen Zaun als Schutz für das erste Gebot.

Wenn wir uns ein Bild, eine Vorstellung von Jesus machen in einer Art und Weise, dass er der Herr ist und nicht wir, welche Quelle benutzen wir? Wir haben vier Quellen. Christen benutzen meistens zweieinhalb und Juden zwei, wir wollen vier benutzen. Nur um zu zeigen, wie problematisch das ist, warum sich das Christentum ein so verflachtes Gottesbild macht. Hier steht bewusst Christentum, es sind nicht alle Christen gemeint. Wirklich schriftgelehrte Christen haben kein flaches Gottesbild.

Erstens ist das Alte und das Neue Testament