David Jaffin

 

Malmsheimer

Predigten

 


Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung. 3

Die Beschneidung. 4

Partnerschaft oder abhängig vom Herrn?. 7

Das salomonische Urteil 10

Der große Todespsalm.. 13

Der große Bußpsalm Davids. 17

Die rechte Zeit 21

Die Heiligkeit Gottes. 24

„Am Ende der Tage“ 27

„Du bist mein!“ 30

Trost 32

Behinderte – was sind sie wirklich?. 35

In der Wahrheit – aber auch in der Liebe. 36

Die Versuchung Jesu. 37

Alter Bund und Neuer Bund – aber ein Herr! 40

Unser Versagen – sein Sieg. 44

Der Missionsbefehl 47

Fasten. 50

Der große Leidensweg. 53

Wenn wir Leerlauf erleben. 56

Die Notwendigkeit der Wiederkunft Christi 59

Palmsonntag. 62

Pfingsten. 65

Was bedeutet eigentlich Nächstenliebe. 68

Die heilige Taufe. 71

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden“ 74

Der Christ und die Obrigkeit 77

Wer richtet wen?. 80

Der innere und der äußere Mensch. 83

Das Kreuz und der Alltagsmensch. 86

Weltliche Freude – christliche Freude. 89

Gekreuzigt durch wen?. 92

Die Unsichtbarkeit Gottes. 95

 


Einleitung

 

Diese Malmsheimer Predigten sind im Grund genommen zwei Bücher in einem. Etwa die Hälfte der Predigten sind schon früher erschienen in meinen ersten vier Predigtbänden: INRI; Die Welt und die Weltüberwinder; …der bringt viel Frucht; Jesus, mein Herr und Befreier – keines dieser Bücher ist jetzt vorrätig. Die andere Hälfte dieses Buches enthält neue Predigten, mit starker Betonung alttestamentlicher Textauslegung, die im gesamtbiblischen Rahmen zu verstehen sind. Sie sind nun etwas anders angeordnet, und zwar in der Reihenfolge der biblischen Texte von Anfang des Alten Testamentes bis zum Ende des Neuen Testamentes. Zwei dieser Predigten wurden früher schon in „Zuversicht und Stärke“ veröffentlicht.

Das Buch ist natürlich meiner Gemeinde in Malmsheim gewidmet.

 

Pfr. Dr. David Jaffin

Malmsheim, Frühjahr 1988

 


Die Beschneidung

 

So nahm denn Mose seine Frau und seinen Sohn und setzte sie auf einen Esel und zog wieder nach Ägyptenland und nahm den Stab Gottes in seine Hand. Und der Herr sprach zu Mose: Sieh zu, wenn du wieder nach Ägypten kommst, dass du alle die Wunder tust vor dem Pharao, die ich in deine Hand gegeben habe. Ich aber will sein Herz verstocken, dass er das Volk nicht ziehen lassen wird. Und du sollst zu ihm sagen: So spricht der Herr: Israel ist mein erstgeborener Sohn; und ich gebiete dir, dass du meinen Sohn ziehen lässt, dass er mir diene. Wirst du dich weigern, so will ich deinen erstgeborenen Sohn töten. Und als Mose unterwegs in der Herberge war, kam ihm der Herr entgegen und wollte ihn töten. Da nahm Zippora einen scharfen Stein und beschnitt ihrem Sohn die Vorhaut und berührte damit seine Scham und sprach: Du bist mir ein Blutbräutigam. Da ließ er von ihm ab. Sie sagte aber Blutbräutigam um der Beschneidung willen.

2. Mose 4, 20-26

 

Mose kehrte zurück nach Ägyptenland, nachdem er sich vierzig Jahre in der Wüste Midian als Schafhirte aufgehalten hatte. Der Herr hat diesen eifernden Mose, welcher Totschlag begangen hatte, hier in Midian gezüchtigt, 40 Jahre lang, die bisherige Hälfte seines Lebens. Er hat Mose Demut gelehrt. Er hat sein brennendes, eiferndes, leidenschaftliches jüdisches Temperament gedämpft durch das Alter und die tägliche Landarbeit. So wie Israel später vierzig Jahre durch die Wüste gehen muss, um befreit zu werden von allen ägyptischen Götzen, wie etwa dem goldenen Kalb, um Gehorsam und Demut vor seinem Gott zu lernen, so muss Mose diese vierzig Jahre vom Herrn gezüchtigt werden, bevor er sein richtiger Diener sein konnte. Das bedeutet, er musste lernen, und zwar durch Mark und Bein gehend, dass der Herr ihn richtig führen werde, wie und wann er will. Er wird bestimmen und nicht ich, Mose, und meine Leidenschaft. So musste auch Petrus vom Herrn lernen: „Petrus, als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet, aber jetzt wird ein anderer (der Herr selbst) dich gürten und dich führen auf Wegen, die du lieber nicht gehen möchtest.“ Jeder Diener Gottes – wie zum Beispiel Jona, David, Saulus – muss so gezüchtigt werden, dass er durch und durch erkennt und auslebt, dass der Herr, sein Hirte, ihn führt, wie und wann und wohin er will.

Mose kehrte nach vierzig Jahren Freiheit zurück zu den Sklaven, und zwar als zuerst unwilliger Knecht. Er soll das Sprachrohr Gottes sein, er, ein Stotterer. Und er, der gewohnt war, als Hirte in der Wüste über seine Wege selbst zu bestimmen, soll jetzt mit achtzig Jahren plötzlich sein Leben drastisch ändern. Wem von uns könnte so etwas zugemutet werden – in diesem Alter? Damit will uns der Herr zeigen: Nachfolge kennt keine Grenzen, auch keine Altersgrenze. Kleine Kinder können Jesus Christus bezeugen durch ihre Liebe zu ihm, und sehr alte Menschen können und sollen das gleiche tun, auch gegenüber ihren Enkelkindern.

Ist es nicht so, dass die dynamische Leidenskirche Russlands nur deshalb die kommunistische Revolution und ihre Folgen überlebt hat, weil die Großeltern ihren Enkelkindern von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, erzählt haben, ihn bezeugt haben? Niemand ist zu alt, dem Herrn zu dienen durch Wort und Zeugnis. Der Herr hält zu uns auch im Alter, selbst im tiefsten Leiden.

Was dann Mose unterwegs geschieht, ist eines der tiefgründigsten und interessantesten Ereignisse im Alten Testament, aber für die meisten Leser heute rätselhaft, unbegreiflich. „Und als Mose unterwegs in der Herberge war, kam ihm der Herr entgegen und wollte ihn töten. Da nahm Zippora, Moses Frau, einen scharfen Stein und beschnitt ihrem Sohn die Vorhaut und berührte damit seine Scham und sprach: ,Du bist mir ein Blutbräutigam.’“ Was soll das alles bedeuten?

Denken wir zuerst zurück an Jakobs Kampf mit dem Herrn und wie Jakob sagte: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Jakob wird danach Israel genannt. Jakob bedeutet „der Betrüger“ und Israel „der Gottesstreiter“. Hier wird dieser Segen dem Vertreter des Volkes Israel, Mose (durch seinen Sohn), bis ins Blut hinein gegeben. Dieses „Blutbräutigam“ bedeutet, dass Israels Segen, seine Erwählung zutiefst mit Leiden zu tun hat, bis ins Fleisch hinein. War das nicht gerade die damalige Lage der Israeliten? Sklaverei, vernichtet werden von der Weltmacht, den Ägyptern? Ihre neugeborenen Söhne sollten auf Anordnung des Pharao getötet werden. Dazu ist dieser Text eine Auslegung des vorangehenden Satzes: „Israel ist mein erstgeborener Sohn.“ Im gleichen Buch Exodus steht später geschrieben – nachdem jeder älteste Sohn der Ägypter in der zehnten Plage vom Todesengel umgebracht worden ist –, auch in Israel gehöre jeder älteste Sohn, überhaupt das Beste von Menschen, Tieren und von der Ernte dem Herrn, als Zeichen dafür, dass letzten Endes alles ihm gehört. Diese Beschneidung von Moses Sohn zeigt, dass Israel als Volk Gottes sein erstgeborener Sohn ist, ihm ganz und gar gehört. Dieses Gott-Gehören geht bis in die Substanz, bis ins Blut hinein. Das Leben ist im Blut und das Leben gehört Gott. Gott gehören bedeutet, ihm ganz und gar ergeben sein. Menschen will der Herr, der Gott Israels, nicht geopfert haben, das ist für ihn ein Gräuel. Aber wir sollen niemals vergessen, dass unser ganzes Leben ihm gehört, stellvertretend für alle der älteste Sohn, wie hier der von Mose. Ich musste als Jude am achten Tag beschnitten werden und dann am dreißigsten Tage zurückgekauft, zeichenhaft zurückgekauft werden vom Herrn, denn als der älteste Sohn, der einzige Sohn meiner Familie, gehört mein Leben bis ins Blut, ja bis in den Tod hinein dem Herrn.

Dabei hat dieser Text direkten Bezug zu Jesus Christus. Nicht nur wird Israel hier durch eine Blutstaufe geweiht, sondern Jesus Christus, der einzige und erstgeborene Sohn Gottes, erfüllt den ganzen Sinn dieses Geschehens, indem er geopfert wird für das Volk, ja für die ganze Welt. Gott will nicht, dass Isaak fleischlich getötet wird. Er gibt durch die Beschneidung nur ein Zeichen, dass unser Leben ihm gehört. „Als Mose unterwegs in der Herberge war, kam ihm der Herr entgegen und wollte ihn töten.“ Ähnlich ging es auch mit Isaak. Aber statt Abrahams Opfer anzunehmen, wies ihn Gott hin auf ein Opfertier. Später sandte Gott seinen erstgeborenen Sohn, Jesus Christus, den König, den gekreuzigten Leidenskönig, und damit ist dieser auch die Erfüllung der Verheißung an Abraham: „Durch dich werden gesegnet alle Völker auf Erden.“ – Also ist er auch der Heiden Heiland: der Erlöser aller Gläubigen in allen Völkern aller Zeiten.

Aus diesem Text, mit dem Rückblick auf die Opferung Isaaks, welche nicht stattfand, und mit seiner Erfüllung in Jesu Kreuz, sehen wir zugleich: Israels Weg wird ein Leidensweg sein, denn seine Zugehörigkeit zum Herrn gründet auf diesem Blutsbund. Dazu sehen wir, dass das neue Israel – wir Christen –, auch berufen sind in und durch die endgültige Blutstaufe des Herrn, Jesu Kreuz. Unsere ganze Person soll bis in den Tod ihm geweiht sein.

Frage: Worin besteht unser Leiden? Hat nicht Jesus dieses Leiden getragen, damit wir in Freude leben sollen, so leben, wie wir es am liebsten möchten? Hat er nicht an unserer Statt genug gelitten? Jawohl, das hat er, aber er sagt uns immer wieder, dass Christusnachfolge Leiden bedeutet: „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich, verleugne sich selbst und folge mir nach.“ Unsere Taufe unter Wasser bedeutet, wie Paulus uns deutlich in Römer 6 sagt, Taufe in den Tod, in Jesu Tod, in den Bereich des Todes, unter Wasser.

Wir sollten, glaube ich, diese Blutstaufe, die Unterwassertaufe in Jesu Kreuz, mit unserem Text so eng verbinden, dass wir, so wie Mose unterwegs war, als er wegen der Beschneidung seines Sohnes überfallen wurde, auch mit dem Herrn unterwegs sein sollen. Dieses Leiden, dieses Unterwegssein mit dem Herrn wird uns in Petrus am See Genezareth gezeigt. Jetzt wird ihn, den erstberufenen Jünger und damit der Stellvertreter für alle Jünger, „ein anderer gürten“ und ihm andere Wege, Leidenswege zeigen, die er nicht geplant hatte.

Wer an dieser Welt hängt, wer mit klarem Willen nach selbst gemachten Freuden strebt, der will nicht diesen Weg gehen. Aber sterben, leiden mit dem Herrn bedeutet Segen, das heißt ihm geweiht werden, durch seinen Sohn Jesus Christus geführt und ans Ziel gebracht werden. Seid ihr bereit, diesen Weg zu gehen? Nein, sagten alle Propheten zuerst, so sagte auch Mose, sogar Jesus Christus selber: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Das darauf zögernde Ja war ein Ja zum Leben, zum endgültigen Leben, zu Frieden, Heil, Geführtwerden vom Herrn jetzt und in Ewigkeit. Bei Mose ging es so: Als Gott ihn mit seinem Auftrag überfiel, sprach er erschreckt und ängstlich: „Mein Herr, sende, wen du senden willst.“ Und beifügen können wir: „Nur nicht mich.“ Doch als er innerlich zerbrochen und bereit war, zu gehorchen, lautete seine Antwort: „Sende, wen du senden willst, vielleicht auch mich.“ Jeder von uns, der wirklich unserem Blutbräutigam Jesus Christus gehören, ihm nachfolgen, dienen, von seinem Heil weitersagen will, kann das nur tun mit seinem Ja zum Geweihtwerden in seinen Tod hinein, indem er sagt: „Mein Herr Jesus Christus, sende, wen du senden willst. Ich weiß, dass du mich ausrüstest mit der Kraft deines Kreuzesblutes. Wenn du für mich und bei mir bist, vor wem sollte ich mich dann fürchten?“

 


Partnerschaft oder abhängig vom Herrn?

 

Mose aber sprach zu ihm: Wenn nicht dein Angesicht vorangeht, so führe uns nicht von hier hinauf. Denn woran soll erkannt werden, dass ich und dein Volk vor deinen Augen Gnade gefunden haben, wenn nicht daran, dass du mit uns gehst, so dass ich und dein Volk erhoben werden vor allen Völkern, die auf dem Erdboden sind? Der Herr sprach zu Mose: Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des Herrn: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Darm will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

2. Mose 33, 15-23

 

Wir haben gelernt, demokratisch zu denken. In einer Demokratie sind wir alle gleich, haben alle die gleichen Rechte. Kein Mensch, trotz Titel, trotz Bildung, trotz Reichtum hat das Recht, sich über andere zu erheben. Auch wenn sicherlich eine gewisse Ungleichheit unter uns besteht, sind wir trotzdem theoretisch gleich, und diese theoretische Gleichheit bestimmt die Form und den Inhalt unserer Gesellschaft.

Nun zeigt uns unser Text, dass die Beziehung zwischen uns und Gott, dem Herrn des Alls, nicht demokratisch ist. Wir stehen niemals auf der gleichen Stufe mit dem Herrn. Wir werden nie in der Lage sein, als Gleichwertige einen Austausch mit ihm zu haben. Er ist dem Wesen nach etwas ganz anderes als wir. Er ist vollmächtig, unerschaffen, unsterblich, allwissend. Und noch wichtiger in unserer Beziehung zu ihm: Er hat uns erschaffen, er hat uns unsere Persönlichkeit und unsere ganze Welt gegeben. Als Geschöpfe Gottes können wir niemals Gleichheit mit ihm beanspruchen. Aber gerade dies tun viele moderne Menschen, indem sie über den Herrn urteilen, über ihren Richter richten wollen: „Wir glauben nicht an Gott.“ Viele Menschen behaupten heutzutage, wir hätten Gott erschaffen, nicht er uns. Damit wollen sie Gott von seiner höheren Stufe herunterbringen auf unser Niveau. Natürlich wird dann die Menschwerdung Christi falsch verstanden, als ob Christus nur Mensch gewesen wäre, als ob Menschlichkeit der Maßstab aller Dinge sei.

Mose versuchte in seiner Art auch, diese Erhabenheit des Herrn in seine Sicht der Dinge einzubringen: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“ Was Mose haben will, ist eine Beziehung zu dem Herrn, in der er immer mehr zum vollen Partner Gottes wird. Er will eine Zusicherung über das Erbarmen Gottes und über die Erwählung seines Volkes. So ähnlich haben auch Johannes und Jakobus versucht, mit Jesus umzugehen, nur: hier ging es um ihren Platz im Himmel, sie wollten dort zur Rechten und zur Linken von Jesus sitzen.

Es ist ganz natürlich, dass die Menschen versuchen, eine gewisse Absicherung für sich zu gewinnen. Wenn wir glücklich sind, wollen wir dieses Glück festhalten oder uns mindestens absichern, dass dieses Glück wieder zurückkommen wird. Wir wollen die Gewissheit, eine Selbstbestätigung, dass es uns weiter gut gehen wird, dass wir wirklich dem Herrn gehören. Um diese Bestätigung zu sichern, versuchen wir mehr und mehr, eine Partnerschaft mit dem Herrn einzugehen. Am gewissesten ist es, wenn er von uns abhängig ist, wenn er so ist, wie wir ihn haben wollen.

Das ist sehr menschlich und sehr natürlich, aber es steht letzten Endes gegen uns, gegen unsere Person, gegen unser Heil; denn alles, aber auch alles, was wir haben, was wir bekommen, was uns im tiefsten beglückt, kommt weder von uns noch kann es durch uns abgesichert werden. Ich meine das Leben, unsere Person, die Liebe, den wahren Trost, im Leiden und die Kraft gegen den Tod. In dem Moment, wo wir eine solche Beziehung mit dem Herrn anstreben, eine demokratische Beziehung der Gleichheit, eine Beziehung mit gleichzeitiger Abhängigkeit, zerstören wir letzten Endes die Basis unserer Person, unseres wahren Lebens, unseres wirklichen Trostes, weil wir sterblich sind, sündhaft, weil unser Wille letzten Endes gegen unser zeitliches Glück steht, weil wir Liebe und Leben zu schaffen nicht imstande sind. Eine solche demokratische, abgesicherte Partnerschaft mit dem Herrn würde nur unseren ewigen Tod bedeuten wegen unserer Sündhaftigkeit, welche auch den Herrn beflecken würde. Wenn wir ihn in der Hand hätten und wirklich seinen Weg wissen könnten, sogar sein Wesen kennten, dann würde sein Heiliger Geist getötet, sein Geist, welcher plötzlich über uns kommen kann, um uns zu erneuern und uns weiterzuführen. Das geht nicht. Wenn wir die Herrlichkeit des Herrn kennen würden, wären wir ja Mit-Herren. Damit wird unsere Erbsünde bestätigt, wir „würden sein wie Gott“. Gott bewahre uns! Das ist der Weg mancher Irrlehre und war es seit Erschaffung des Menschen. Es ist der Weg zum ewigen Tod.

Immer geht in der Bibel unsere Beziehung zu dem Herrn von ihm aus. Seine Gnade, seine Liebe, seine Herrlichkeit, alles ist ein Geschenk seines lebendigen Geistes an uns. Meinen wir jedoch umgekehrt, unser Streben müsste dahin zielen, mit unserm Herrn ein partnerschaftliches Verhältnis erreichen oder uns gar an seine Stelle setzen zu können, bewegen wir uns auf einem aussichtslosen Irrweg. Beide, der Alte und der Neue Bund, sind uns von Gott gegeben – er gibt, und wir nehmen an. Die Berufungen Abrahams, Isaaks, Jakobs und die von Petrus und Andreas, Johannes und Jakobus und noch von vielen anderen kamen von dem Herrn. Er rief – und sie gehorchten. Sie unterstellten sich seinem Willen, seiner Führung und auch seinem Erbarmen. Es ist so, in entscheidenden Momenten in der Geschichte ist er allein der Handelnde: Er spaltet das Rote Meer, er führt den Kampf um das Land Kanaan, damals und auch in unserer Zeit. Das Land Israel ist zu übernehmen nach seinen Geboten und Verheißungen. Er gab uns das Gesetz. Er schickte Propheten, die sein Wort verkündigten. Und er gab uns seinen eingeborenen Sohn. Er ließ ihn sein Wort verkündigen, Wunder aus seiner Wunderkraft tun. Er, der Christus, wurde aber von seinen Mitbürgern und damit auch von uns verleugnet. Man schlug ihn ans Kreuz. Trotz unseres Versagens und unseres Kleinglaubens ließ ihn Gott aus dem Tode für uns auferstehen. Durch seinen Heiligen Geist wurde seine Kirche gegründet und später auch erneuert. Ständig ist er am Werk. Er schafft und wirkt für uns und mit uns. Wir sind ganz und gar abhängig von ihm, von seiner Liebe und seinem Erbarmen. Und nichts, aber auch gar nichts kann dieses Verhältnis ändern. Dafür verlangt der Herr unsere totale Abhängigkeit von ihm. Er ist ein liebender, ein erbarmender Gott. Ganz selbstverständlich ist, dass wir, seine Knechte, seine Freunde, ihm immer folgen durch Irrungen und Wirrungen, bis er am Ziel ist mit uns. Darum lernen wir, „dein Wille geschehe“ zu beten und zu glauben, dass wir aus seiner Gnade leben, dass wir uns auch auf dieses, sein Wort, verlassen dürfen und dass es für uns, für mich gilt: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Das sind nicht Worte eines menschlichen Despoten, eines Diktators, sondern es sind Worte unseres liebenden Vaters, unseres Schöpfers und Erlösers. Es sind Worte dessen, der sein Leben für unsere Schuld und Sünde gab, gerade wegen unserer Selbstherrlichkeit, wegen unserem „Sich-an-Gottes-Stelle-setzen-Wollen“. Er nimmt uns an, wann und wie er will, tatsächlich in unserem Interesse, nichts anderes als das. Er weiß besser, was gut für uns ist, als wir es selbst wissen können. Seien wir wirklich ehrlich mit uns selbst. Dient alles, was wir von Gott erbitten, zu unserem Besten, um uns im wahrsten Sinne glücklich zu machen? Ich glaube, wenn es uns weltlich zu gut gehen würde, wären wir faule, verwöhnte, flache Menschen ohne geistliche Tiefe, ohne wahre Liebe. Darum ist es notwendig für uns, nicht immer zu bekommen, was wir haben möchten. Das weiß der Herr genau – ist er doch selber in Armut geboren und in Verachtung gestorben.

Darum führt unser Text an den zentralen Punkt unseres Glaubens. Jesus kennt uns mit Namen, er hat uns ja erschaffen, er ist auch für uns gestorben. Wir haben Gnade bei ihm gefunden. Darum, wenn wir das glauben, wenn wir uns ihm unterstellen, wenn wir wie Mose in der Felsenkluft stehen und warten auf Gottes Vorübergehen, das bedeutet, warten auf seinen Geist, auf seine Führung, auf seine Bestätigung seines Erbarmens, dann wird er seine Hand über uns halten. Im stillen Gebet spüren wir seine Gegenwart, seine Führung. Er wird sich zeigen in unserer Kluft, in unserer Selbstgefangenschaft. Er wird uns an der Hand nehmen, uns aus unserer Gefangenschaft herausführen. Er wird es tun, weil er es versprochen hat, weil er sein Wort hält, weil er uns liebt mit väterlicher Liebe und weil er unser A und O ist, unser Anfang und Ende. Der Herr ist Herr, und keiner ist außer ihm. Der Herr ist mein Fels, der Boden, auf dem ich stehe. Er ruft mich als Sündigen und Verlorenen in seinen Schatten, in den Schatten seines Kreuzes. O möchten wir doch Richtung und Führung von ihm erbeten, unserem Herrn, dem Gott Israels, Jesus Christus, unserm Heiland und Erlöser! Gelobt sei er, der seine Gnade erweist allen Gläubigen zu allen Zeiten!


Das salomonische Urteil

 

Zu der Zeit kamen zwei Huren zum König und traten vor ihn. Und die eine Frau sprach: Ach, mein Herr, ich und diese Frau wohnten in einem Hause, und ich gebar bei ihr im Hause. Und drei Tage, nachdem ich geboren hatte, gebar auch sie. Und wir waren beieinander, und kein Fremder war mit uns im Hause, nur wir beide. Und der Sohn dieser Frau starb in der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, als deine Magd schlief, und legte ihn in ihren Arm, und ihren toten Sohn legte sie in meinen Arm. Und als ich des Morgens aufstand, um meinen Sohn zu stillen, siehe, da war er tot. Aber am Morgen sah ich ihn genau an, und siehe, es war nicht mein Sohn, den ich geboren hatte. Die andere Frau sprach: Nein, mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und so redeten sie vor dem König. Und der König sprach: Diese spricht: Mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene spricht: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und der König sprach: Holt mir ein Schwert! Und als das Schwert vor den König gebracht wurde, sprach der König: Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. Da sagte die Frau, deren Sohn lebte, zum König – denn ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn – und sprach: Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht! Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein; lasst es teilen! Da antwortete der König und sprach: Gebt dieser das Kind lebendig und tötet’s nicht; die ist seine Mutter. Und ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie fürchteten den König; denn sie sahen, dass die Weisheit Gottes in ihm war, Gericht zu halten.

1. Könige 3, 16-28

 

Salomos berühmtes Urteil ist viel mehr als nur ein Zeichen seiner von Gott gegebenen menschlichen Weisheit; es ist auch ein prophetisches Urteil gegen sich selbst und gegen sein Volk. Es enthält eine Zukunftsschau über den Alten und über den Neuen Bund. Was meine ich damit?

Nach Salomos Tod wird sein Reich entzwei geschnitten, so wie er es hier vorschlägt für das Kind. Und zwar wird es gespalten in ein Nordreich, Israel oder Samaria genannt mit zehn Stämmen, vor allem Ephraim, und ein Südreich mit zwei Stämmen, Juda, der allergrößte Stamm, und Benjamin, der kleinste Stamm, aus dem Saul, Israels erster König, der ungehorsam wurde, hervorgegangen war. Der größte Missionar des Neuen Bundes, Paulus, ursprünglich Saulus, ist nach ihm genannt. Zwar handelt Salomo in diesem Urteil sehr klug, erweist seine von Gott gegebene königliche Weisheit, aber die Zerteilung des Kindes, die er vorschlägt, um herauszufinden, wer die eigentliche Mutter ist, wird später als Urteil gegen sein eigenes Reich fallen, gegen seinen corpus politicum, „politischen Körper“.

Hier handelt es sich um zwei Huren. Wird Israel später nicht Hure genannt werden? Ich denke unter anderem an den Propheten Hosea, der sagte, dass Israel Hurendienst tut, weil es zwar den wahren Gott Israels anbetet, zugleich aber auch Baal, einen Götzen, zu dessen Kult tatsächlich Kulthuren gehörten. Und ist Salomo selbst nicht der Sohn Batsebas, die von David, Salomos Vater, zum Ehebruch, letzten Endes zum Hurendienst verführt wurde. War es nicht Salomo, der später Tausende von fremden Frauen heiratete und sie mit ihren Fremdkulturen nach Israel brachte? Ist das nicht Hurendienst gegen des Herrn erstes und grundlegendes Gebot „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“? Bedeutet nicht die Teilung Israels nach Salomos Tod letzten Endes den Anfang seines Todesurteils? Martin Buber sagt: „Mit Salomo fängt der Untergang Israels an.“

Aber zunächst wird Salomos Vorschlag hier nicht durchgeführt, sondern dadurch wird die richtige Mutter gefunden, so dass das Kind heil bleibt und danach bei seiner wahren Mutter leben kann. Hat nicht Jesus Christus in seiner Erwählung von zwölf Jüngern gerade die Ganzheit zeichenhaft durchgeführt? Er will zeigen, dass in ihm, dem wahren König Israels mit seiner göttlich unendlichen Weisheit, das ganze Israel – alle zwölf Stämme – wiederhergestellt wird. Ist das nicht die Zielsetzung seines Heilsplans? Denn am Ende der Tage wird er sein erstgeliebtes Volk Israel wieder zu sich rufen, und „sie werden ihn annehmen, den sie durchbohrt haben“. Einfach ausgedrückt, in dieser einen Geschichte, welche uns vorgeführt wird als Beispiel von Salomos Weisheit, ist in Kürze die Geschichte Israels vorgedeutet, seine Teilung und der Verfall nach Salomo, seine Wiederherstellung als Einheit in Jesus Christus, und damit wird ein Blick geworfen auf die endgültige Einheit Israels wie der Gemeinde am Ende der Tage. Gerade diese Thematik birgt vieles in sich, nicht nur Salomos und dann Israels Hurendienst, sondern auch in Jesu eigenem Stammbaum steht eine Hure: Rahab von Jericho. War es nicht auch eine bekehrte Hure, Maria Magdalena, die als erste den auferstandenen Herrn, diese neue Welt und Wirklichkeit wahrgenommen hat? Auch die Unreinen müssen hier Jesus dienen und seine Macht bezeugen so wie die eine Hure in unserer Geschichte, die wahre Mutter, die bereit war, das Kind der anderen ganz zu geben, damit ihr Kind am Leben blieb.

Aber unsere Geschichte enthält noch eine weitere tiefe Bedeutung. Hier geht es um die Weisheit des von Gott eingesetzten Königs, aber diese Weisheit wird am Schluss in Verbindung gebracht mit dem Gericht: „Und ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie fürchteten den König (!), denn sie sahen, dass die Weisheit Gottes in ihm war, Gericht zu halten.“ Hat nicht Salomo auch nach einem Schwert gerufen, um das Kind zu zerteilen? Hier sehen wir einen anderen Aspekt von dem Machtbereich der unendlichen Weisheit Gottes, seines wahren Königs, Jesus Christus, denn im Gericht wird er auch trennen; und zwar das Kraut vom Unkraut, das heißt, die von ihm Erlösten von den Verdammten. Das ist sein letztes Gericht, diese Trennung, diese Spaltung unter der Menschheit, nicht nur die Vereinigung von Juden und Christen in Jesus zu einer Kirche und endzeitlichen Einheit, sondern auch die Teilung von Gläubigen und Ungläubigen in seinem Gericht.

Was alle Menschen, Gläubige wie Ungläubige, an diesem Geschehen fasziniert, ist, wie Salomo die Wahrheit festgestellt hat, ohne diesem Kind zu schaden. In der Bibel steht deutlich geschrieben, dass nur der Herr in unsere Herzen sehen kann. Aber hier gibt der Herr seinem weisen König Salomo einen Weg, diese Herzenswahrheit ans Licht zu bringen.

Es gibt Menschen, die eine Frömmigkeit vortäuschen, vielleicht sogar sich selbst vortäuschen, aber im Angesicht des Schwertgerichtes Jesu werden sie genauso wenig ans Ziel kommen wie die falsche Mutter in unserer Geschichte. Was meine ich damit?

Zum Beispiel: Menschen, die sehr jung behaupten, dass sie sich für Jesus entschieden haben, aber in ein oder zwei Jahren ist gar nichts mehr davon zu merken. Ja, es gibt junge Menschen, die sich wirklich in ihrem Herzen so ganz und gar für ihn entscheiden. Aber andere gibt es, die machen mit, täuschen sich jedoch manchmal selbst. Ich habe in meiner ersten Gemeinde jemanden erlebt, der ganz und gar Feuer und Flamme für Jesus war und Woche um Woche Kreuzespredigten gehört hat. Aber als Konflikte in sein Leben kamen, als sein Glaube ihm bei seinen weltlichen Zielen im Weg stand, war er schnell bereit, diesen Glauben an den Nagel zu hängen. Ja, dieses Schwert Gottes, dieses Gericht gibt es nicht nur im Endgericht, sondern auch jetzt, wie damals Salomos Ruf zum Schwert, zur Trennung. Jesus sprach in seinem grundlegenden Gleichnis vom Sämann, wie keimender Glaube zerstört werden kann, weil er keine tiefen Wurzeln hat oder wegen des Alltags und meistens durch beides. Ja, mit der Zeit wird es klar sein, wie wir stehen, ob wir wirklich zu Christus halten, ob wir bereit sind, große Opfer für den Herrn zu bringen, weil er unser Herr ist, und nicht wir selbst. So war damals die Hure sogar bereit, ihr eigenes Kind einer anderen zu geben, aber natürlich nur, um es letzten Endes auf diese Weise zu retten.

Noch eines: „Die andere Frau sprach: Nein, mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt.“ Hier geht es sogar unter Huren um einen Sohn, um einen Nachfolger, um Fortsetzung des Lebens, das erste aller Gebote in der Thora. Leben ist das höchste Gut in Israel. Als ich diese zwei Sätze las, kam mir sofort ein Autoaufkleber in den Sinn: „Wenn dein Gott tot ist, dann nimm doch meinen – Jesus lebt.“ Bei diesen beiden Huren geht es um Leben gegen den Tod: „Ich will das Leben. Ich will das Kind. Du bleibst bei den Toten.“ Aber dahinter steht im gesamtbiblischen Rahmen etwas viel Tieferes: ein enger Bezug, der in unserem Text äußerlich ausgedrückt ist durch den toten und den lebendigen Sohn. Wie Salomo die Einheit herstellte – der unzertrennte Sohn durch die Drohung des Schwertes, so hat Jesus Christus die Einheit hergestellt als endgültiger König Israels, INRI, die Weisheit Gottes selbst. Denn er ist zugleich der tote Sohn und der lebendige Sohn; er vereinigt in sich Tod und Leben, Kreuz und Auferstehung, und er ist der wahre, endgültige Sohn, der Sohn Gottes – in unserem Text wird auch der dritte Tag betont!

Je mehr und je tiefer wir in Gottes Wort eindringen, desto deutlicher wird es für uns werden, dass die ganze Schrift wie ein Tag ist, welcher zuerst vielleicht in Dunst und Nebel anfing, aber immer klarer, immer leuchtender wird, bis in Jesus Christus, der endgültigen Weisheit Gottes, dem wahren König Israels, dem toten und lebendigen Sohn des Herrn, alles eins und vollendet wird.

 


Der große Todespsalm

 

Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss. Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Sie gehen daher wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es einbringen wird. Nun, Herr, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich. Errette mich aus aller meiner Sünde und lass mich nicht den Narren zum Spott werden. Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun; denn du hast es getan. Wende deine Plage von mir; ich vergehe, weil deine Hand nach mir greift. Wenn du den Menschen züchtigst um der Sünde willen, so verzehrst du seine Schönheit wie Motten ein Kleid. Wie gar nichts sind doch alle Menschen. Höre mein Gebet, Herr, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen; denn ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter. Lass ab von mir, dass ich mich erquicke, ehe ich dahinfahre und nicht mehr bin.

Psalm 39, 5-14

 

Wie im 139. Psalm der Beter zum Herrn geführt wird durch Gottes Allwissenheit um unsere ganze Person, so wird im Psalm 39 der Beter zur Gegenwart des Herrn gewiesen durch die Macht des Todes.

Der Tod ist und bleibt unheimlich für uns. Wenn wir das Hinscheiden eines anderen betrachten, dürfen wir nicht vergessen, dass auch wir eines Tages sterben müssen. Der Tod ist uns etwas völlig Fremdes, zumal wir ja keine Möglichkeit haben, das eigene Sterben zu erfassen.

Ich kann mich erinnern, wie ich mit acht Jahren versucht habe, den Tod zu begreifen. Ich suchte im Spiegel durch mein eigenes Gesicht eine Totenmaske, die meinige zu enträtseln. Unser Spiegelbild bietet die einzige Möglichkeit, uns selbst zu betrachten, auch im leiblichen Sinne. Ich merkte aber und war sehr erschreckt, zu spüren, dass der Tod gesichtslos ist, auch sprachlos und gedankenlos. Er raubt mir alles, was ich auf Erden bin.

Ist nicht das Leben selbst ein Sterbensprozess, nichts anderes? Denn Tag um Tag gehen wir alle in einer Richtung, dem Tod entgegen. Es gibt kein Zurück. Und im Tod sind wir alle gleich, arm und reich, groß und klein, Kluge und Dumme. Wird es da nicht sinnlos, wenn wir uns in unserem Leben in diesem und jenem über andere stellen wollen? Aber der Tod ist auch etwas Lebendiges, wirklicher als das Leben selbst. Meine Frau und ich erlebten das bei ihrer toten Mutter über einen halben Tag, nachdem sie gestorben war, und ich werde das nie vergessen. Da lag sie im Bett, starr und tot, aber irgendeine Kraft ging von ihr aus, welche uns fesselte. Diese Kraft war sogar stärker als jeder unserer Versuche, Leben in das Totenzimmer hineinzubringen. Der Tod hat eine fesselnde Kraft. Er bewirkt etwas Unheimliches in uns, wohl gerade, weil er totale Macht über uns besitzt, über unser ganzes Leben, unsere ganze Person.

„Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.“ Warum sollen wir das lernen? Wäre es nicht viel besser, unser Leben ohne einen Gedanken an den Tod zu führen, bis er dann sowieso kommt? Das tun heute ja viele Menschen. Manche weigern sich sogar, zu Beerdigungen zu gehen, weil sie glauben, da ihrem eigenen Tod ins Angesicht sehen zu müssen. Gern werden Kranke, Alte und Schwache in Krankenhäuser, Pflege- und Altenheime abgeschoben, um sie allein sterben zu lassen. Anders unser Psalm. Er zeigt deutlich, dass Leben und Tod eine Einheit sind, eine unzertrennliche Einheit. Ich lebe auf den Tod hin, wenn auch der Tod die Infragestellung meines Lebens ist. Unser Leben verläuft wie ein Drama in fünf Akten. Der letzte Akt ist das Sterben. Der Tod ist nicht nur das Ziel unseres Lebens, er ist nicht nur eine Frage an unser Leben, sondern zeitlich gesehen ist er viel umfassender als das Leben. Das Leben ist kurz, der Tod unendlich lang.

Warum müssen wir sterben? Die Bibel sagt, weil wir Sünder sind, weil wir uns von dem lebendigen Gott Israels entfernt haben. Darum sind wir auch vom Leben entfernt. Die Austreibung aus dem Paradies ist letzten Endes nicht Gottes Strafe, sondern unser eigenes Werk. Wir sind ungehorsam, wir wollen an Gottes Stelle leben, unsere Neugier und Machtgier bestimmen unser Leben. Adam und Eva sind wir alle, verloren in uns selbst.

„Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.“

Interessant ist, dass der Tod zentraler Gestalten in unserer Bibel sinnvoll ist, ihrem Leben einen Sinn gibt. Mose starb auf einem Berg, wo er das von Gott verheißene Land vor Augen hatte und damit die Zukunft seines Volkes. Dieser Blick war die Erfüllung seines Lebensziels. Johannes der Täufer starb, nachdem sein Lebensauftrag erfüllt war, nachdem er den Messias, Jesus Christus, gefunden und getauft hatte. Der Tod ist nur sinnvoll, wenn er mit dem Sinn unseres Lebens verbunden ist: dass wir ans Ziel gekommen sind durch den Herrn.

Wie war hingegen der Tod berühmter Menschen, die mit großem Einsatz ihre Ziele verfolgt hatten, sinnlos, zwecklos. Napoleon und Hitler, die zwei großen Herrschergestalten der modernen Zeit, starben beide einen sinnlosen Tod: Napoleon auf einer Insel, total isoliert von der Welt, nachdem er sein Frankreich zum Status einer ewig zweitrangigen Macht hatte verbluten lassen. Und der Massenmörder Hitler, der menschliche Inbegriff des Bösen überhaupt, starb durch Selbstmord, nachdem er sein Volk in tiefe Schuld verstrickt hatte.

Aber wir sind weder Mose noch Johannes, weder Hitler noch Napoleon. Was soll Sinn und Ziel unseres Lebens sein? Jesus Christus sagt: „Ich bin das Leben.“ Er ruft uns in die Nachfolge und sagt uns, dass, wenn wir mit ihm leben, der Tod keine Macht mehr über uns haben wird. Warum? Weil er als Gekreuzigter und Auferstandener die Strafe für die Erbsünde und diese Sünde selbst auf sich geladen hat. Er spricht uns frei von dieser Schuld durch seinen Tod am Kreuz, und mit seiner Auferstehung ist uns durch ihn der Weg eröffnet in Gottes ewiges Reich. Einfacher gesagt, für uns kann unser Tod und damit unser Leben nur Sinn haben, wenn wir zum Leben gehören, zu Christus, in seine Nachfolge. Er ist unsere Zukunft, unser Erlöser von der Gottesferne, das heißt, wir dürfen in seinem Reich sein.

„Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben. Sie gehen daher wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unru